frage: Was haben die folgenden technischen Errungenschaften gemeinsam? Farbfernsehen, Düsenmotor, das S Gerät (zum Aufspüren von U Booten, mit Hilfe von Ultraschallechos), die Kaplan Turbine, Photo Gummilinsen, Polyester Fasern, Radar, kontinuierliches Metallgußverfahren, Holographie, Hochgeschwindigkeits Lichtsetzmaschine, verstellbare Flugzeugtragflächen? Antwort: Nichts davon wurde in- den Vereinigten Staaten erfunden. Aber alles wurde von amerikanischen Firmen — größtenteils in Lizenz — zur Produktionsreife entwickelt und kommerziell ausgewertet.

Wir erwähnen dies gleich zu Anfang, um von vornherein dem Eindruck vorzubeugen, die "technologische Lücke", die heute zwischen den Vereinigten Staaten und der übrigen industrialisierten Welt, besonders Westeuropa, besteht, könne etwa auf einem Mangel au intellektueller Produktivität oder fehlender Genialität in den nichtamerikanischen Ländern zurückzuführen sein. Tatsächlich lehrt schon ein Blick auf die Liste der Nobelpreisverleihungen in Physik, Chemie und Medizin, daß eher das Gegenteil der Fall ist: Bis jetzt sind 132 dieser Preise nach Frankreich, Deutschland, Italien, den BeneluxLändern und Großbritannien gegangen, indessen nur 55 nach den USA und Kanada.

Es kann keine Rede davon sein, daß die nichtamerikanischen Länder arm an Intelligenz seien. Deshalb stimmt die erwähnte Liste von Erfindungen, die nicht im Ursprungsland, sondern von amerikanischen Firmen ausgeschlachtet wurden, so nachdenklich. Technisch versierte Europäer können sie übrigens ohne viel Nachdenken mit vielen weiteren Beispielen verlängern. Mit einer Mischung von Bewunderung und Neid spricht der europäische Fachmann von der hochentwikkelten Forschung in den USA, und er macht keinen Hehl daraus, daß ihm die zunehmende Abhängigkeit seines Landes von den "großen Vier" der amerikanischen Technologie — nämlich Elektronik, Computertechnik, Kernenergie, Luftund Raumfahrt — Kummer bereitet. Meistens bringt der europäische Gesprächspartner dann auch zur Sprache, daß die amerikanischen Industriegiganten mehr und mehr in sein Heimatland eindringen.

Die Lücke, oder wie immer man die Diskrepanz zwischen dem modernen industriellkommerziellen knoiv how auf beiden Seiten des Atlantik bezeichnen mag, bereitet nicht nur dem europäischen Techniker Sorge. Sie wird auch von Staatsmännern und Politikern geteilt. Premierminister Harold Wilson sprach von einem "industriellen Helotentum" in Europa, und schon 1964 warnte General de Gaulle seine Minister vor einer Bedrohung der französischen Unabhängigkeit durch das technologische Gefalle zwischen Amerika und Europa. Sein Erziehungsminister erklärte später, der Fortschritt nehme in den USA ein solches Tempo an, daß wir zu den Vereinigten Staaten so weit in den Rückstand zu geraten drohen, wie gegenwärtig die Entwicklungsländer hinter Europa zurückstehen". Solche Äußerungen sind mehr oder weniger geschickte Mischungen aus Wahrheit, politischem Bombast und der Absicht, Onkel Sam ein wenig am Bart zu zupfen. Indessen gibt es keinen Zweifel, daß die technologische Lücke tatsächlich existiert Die Lücke und die Sorgen, die sie den Europäern bereitet, ist keineswegs neu. Alexis de Torcqueville verglich 1835 die europäischen und die amerikanischen Methoden im Frachtverkehr und kam zu dem Ergebnis, daß die Amerikaner leistungsfähiger sind: schneller und billiger. Im Jahre 1909 äußerte der damalige Rektor der Universität Friedrich Wilhelm in Berlin, von Harnack, seine Beunruhigung darüber, daß die großzügigere Finanzierung der amerikanischen Forschungslaboratorien dazu führen könnte, daß die besten europäischen Forschungsstätten überflügelt werden. Harnacks Befürchtung trug wesentlich zur Gründung der Kaiser WilhelmGesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (heute Max Planck Gesellschaft) bei.

Auch der Abfluß an Wissenschaftlern ist nicht so neu. Deutschland, das während der Nazizeit über 1700 Universitätslehrer, darunter zwölf Nobelpreisträger, allein durch die Emigration seiner Intelligenz nach Amerika verlor, hat sich bis heute noch nicht vollends von diesem Verlust erholt.

Das Phänomen der "technologischen Lücke" ist nicht leicht zu analysieren. Die wohl klügste und erfolgversprechendste Untersuchung dieses Phänomens hat die 1947 gegründete Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) angestellt. Sie untersuchte neun industrielle Sektoren in denjenigen ihrer 21 Mitgliederstaaten (18 europäische Länder, dazu Japan, Kanada und die USA), deren Wirtschaft m starkem Maße von Innovationen abhängt. Innovation soll in diesem Zusammenhang die zwischen der Erfindung und der Verbreitung einer technischen Errungenschaft liegende Phase kennzeichnen, in der eine Erfindung planmäßig so weit weiterentwickelt wird, daß sie kommerziell oder auf andere Weise praktisch nutzbar wird. Die neun industriellen Sektoren waren: Computer, Halbleiter, Pharmaka, Kunststoffe, Eisen und Stahl, Maschinenteile, Nichtmetalle, wissenschaftliche Instrumente, synthetische Fasern. Sie wurden unter zwei Gesichtspunkten untersucht: 1. Wie groß ist der Anteil des jeweiligen Landes an Innovationen in dem betreffenden industriellen Bereich? 2. Welchen Anteil hat das Land an der Diffusion, worunter die Verbreitung von erfolgreich auf den Markt gebrachten, also innovierten neuen Produkten oder Verfahren unter die Verbraucher zu verstehen ist? Die Resultate lassen sich so zusammenfassen: Amerikanische Firmen haben in den letzten zwanzig Jahren den größten Anteil an den Innovationen gehabt, nämlich bei 60 Prozent der 139 ausgewählten Erfindungen; 50 bis 60 Prozent der von den OECD Ländern erzielten Einnahmen aus Lizenzen, Patenten und knowUS Anteil am Weltexport forschungsintensiver Produktgruppen beträgt 30 Prozent.

Die Vereinigten Staaten liegen an der Spitze der OECD Länder in all den industriellen Sektoren, die von der Nachkriegstechnologie bestimmt werden — Computer, Halbleiter, automatisch gesteuerte Werkzeugmaschinen, einige wissenschaftliche Geräte (hauptsächlich elektronische Prüf- und Meßapparate), Kunststoffe für spezielle Anwendungsbereiche (vornehmlich für militärische und Raumfahrtzwecke). Hingegen hält die Alte Welt die Führung in den auf herkömmlichen Technologien basierenden Sektoren wie Eisen- und Stahlbearbeitung, chemische und pharmazeutische Produkte Synthesefasern und Nichtmetalle , Diese Studie und andere Untersuchungen scheinen zubestätigen, daß es Amerika besser versteht als Europa, die Früchte der wissenschaftlichen Forschung in die Güter und Dienstleistungen umzumünzen, die expandierende Industriegesellschaften benötigen. Man sieht die Problematik des Wirtschaftswachstums und der Abhängigkeit sofort, wenn man die fünf Gebiete betrachtet, die die OECD Studie als diejenigen herausgestellt hat, auf denen technologische Lükken unübersehbar sind: Computer, Halbleiter, moderne Maschinen und Instrumente, Spezialkunststoffe. Mit einer groben Metapher könnte man diese Produktionsbereiche als Hand und Hirn der technisch fortschrittlichen Gesellschaften bezeichnen. Welches Land würde schon freiwillig seine nationale Verteidigung, sein Prestige, seine wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ziele von der Technologie eines anderen Landes abhängig machen, wenn es sich vermeiden läßt? Dieses Zentralproblem scheint frühere, insbesondere französische Befürchtungen zu bestätigen, wonach der amerikanische Vorsprung wichtige Industriebereiche im Zustand einer unerwünschten US Abhängigkeit beließe, und das in einer Zeit, in der Europa versucht, sich von solchen Fesseln zu befreien. Doch können Frustrationen dieser Art die internationalen politischen Beziehungen belasten. Kürzlich erst bemerkte ein deutscher Beobachter: "Die ganze Situation gibt dem Gaullismus eine neue technologische Dimension " Die technologische Lücke hat, wie der Gaullismus, viele Dimensionen. Wir wollen eine Betrachtung in die fünf funktionellen Unterschiede einteilen, die Theodore Suranyi Unger vom ben hat: eine generelle wirtschaftliche Lücke, eine Auslandsinvestitions Lücke, eine Forschungs- und Entwicklungs Lücke, eine Management Lücke und schließlich eine Lücke im Erziehungswesen. Die erste Lücke hängt natürlich mit dem Problem der Größenordnungen zusammen. Die Vereinigten Staaten beherrschen zwei Drittel des Welt Kapitalmarktes bei einer Ausnutzung von nur fünf Prozent des Weltreservoirs an hochqualifizierten Arbeitskräften. Mit doppelt so vielen Großunternehmen wie Europa, wovon viele größer sind als ganze Industrien in den einzelnen europäischen Ländern, produziert Amerika ein Viertel aller Industriegüter der Welt. Mithin ist jeder nichtamerikanische Konkurrent in einer schwierigen Situation, weil solch gigantische Unternehmen Risiken eingehen können, die für die kleinen absolut undiskutabel wären, und weil die Mammutunternehmen über gewaltige Geld- und Arbeitsreserven verfügen, um innovative Durststrecken überstehen zu können. Die verschiedenen westeuropäischen Nationen ringen mit diesem Größenproblem — freilich nicht immer in konzertierter Aktion. Zu den Versuchen, dieses Problem zu meistern, gehören einfache bilaterale Verträge zwischen zwei Ländern in der Hoffnung, mit vereinten Kräften konkurrenzfähig zu sein; hervorragendes Beispiel: die franko bri tische Gemeinschaftsentwicklung des Oberschall Linienflugzeugs Concorde. Andere Beispiele solcher — zumeist gescheiterten — Versuche sind der deutsch französische Plan für die Herstellung des "Panzers der siebziger Jahre" oder die britisch französischen Pläne, ein Jagdflugzeug mit verstellbaren Tragflächen zu konstruieren.