Die Aktienkurse an der Pariser Börse steigen wieder. Maurice Couve de Murville, der neue Premier des Generals, hat mit seiner ersten Rede die rechtsorientierten Bürger beruhigt. Seine vagen Äußerungen über die Mitbeteiligung der Arbeitnehmer schienen de Gaulles Versprechungen von der "friedlichen Revolution" abzuschwächen.

Der Regierungschef sprach von der "Information" der Belegschaften, vom Recht des Arbeitnehmers, die Entwicklung der Geschäfte seines Betriebes zu kennen und an den Gewinnen teilzuhaben. Zugleich aber stehe außer Zweifel, daß eine Firma immer von den Kapitalbesitzern geleitet werden muß – von Revolution war nicht die Rede.

Hieraus wird geschlossen, daß es nun entsprechend den Wünschen der Arbeitgeber nur noch um eine intensivere Unterrichtung der Belegschaften und Betriebsräte über den Gang der Geschäfte geht. Die Mitbestimmung falle unter den Tisch und die Gewinnbeteiligung werde nicht über die kümmerlichen Verordnungen hinausgehen, die im Herbst letzten Jahres für vier Millionen Beschäftigte festgelegt wurden.

Doch diese Schlußfolgerungen scheinen voreilig. De Gaulle selbst ist offensichtlich noch immer fest entschlossen, seinen "dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus" zu gehen. Er neigt den Ideen des Justizministers René Capitant zu, einem der zehn Links-Gaullisten im Kabinett der 31 Minister und Staatssekretäre.

Die linksgerichteten Gaullisten wollen, daß die Direktionen nicht nur den Aufsichtsräten, sondern ebenso den Betriebsräten verantwortlich sind. Sie wünschen eine Neuregelung der Eigentumsverhältnisse durch einen Vertrag zwischen der (genossenschaftlich zu organisierenden) Belegschaft und der Kapitalseite. Der Reingewinn soll, soweit er ausgeschüttet wird, zu fünf Prozent an die Kapitaleigner fallen. Die restlichen 95 Prozent sollen dann zwischen "Kapitalisten" und Belegschafts-Genossenschaft geteilt werden.

Diese Pläne bezeichnen Frankreichs Arbeitgeber als ruinös für die Wirtschaft. Die Gewerkschaften sind aus Sorge, Einfluß auf die Arbeitnehmer zu verlieren, desinteressiert. De Gaulle aber will ein in solcher Richtung orientiertes Gesetz bis Jahresende der Nationalversammlung vorlegen. Eine Delegation französischer Juristen eilte jetzt erst einmal in die Sowjetunion – zum Studium der Betriebsverfassungen in sozialistischen Systemen.

Sollte Frankreichs rechtsbürgerliche Parlamentsmehrheit allerdings den Vorschlägen des Generals widersprechen, so soll das Volk in einem Referendum entscheiden und die Volksvertreter zwingen, das ungeliebte Gesetz dennoch zu verabschieden. h. b.