Gegen Bonns Botschafter in Lissabon, Müller-Roschach, läuft ein Ermittlungsverfahren, das die Staatsanwaltschaft in Frankfurt eingeleitet und dann zuständigkeitshalber an die Bonner Staatsanwaltschaft abgetreten hat. Während des Prozesses gegen den ehemaligen Legationssekretär von Hahn, der der Mittäterschaft bei der Ermordung von 30 000 Juden angeklagt ist, tauchte der Verdacht auf, daß sich auch der ehemalige Legationssekretär Müller (der nach dem Kriege seinem Namen den Mädchennamen seiner Frau angefügt hat) der Beihilfe zur Ermordung von Juden schuldig gemacht haben könnte. Das Auswärtige Amt rief Müller-Roschach nach Bonn, wo er sich zur Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft bereit hält. Die Ermittlungen sind noch im Gange; eine Beurteilung des Falles ist zur Zeit noch schwierig.

Folgendes steht vorläufig fest: Müller-Roschach mußte gegen seinen Willen am 11. November 1941 den Dienst im Referat D III in der Abteilung des Unterstaatssekretärs Luther antreten. In diesem Referat wurden "ausländische Judenangelegenheiten" und "Erneuerungsbewegungen" behandelt (Falange, Pfeilkreuzler, Eiserne Front). Es waren die Monate, in denen die Pläne für die "Endlösung der Judenfrage" ausgearbeitet und beraten wurden. Müller-Roschach war damals Hilfsreferent, seit zehn Monaten Beamter auf Widerruf mit dem Titel eines Legationssekretärs. Sieben Wochen nach seinem Dienstantritt beschloß er, den einzigen Weg, den es aus der Hölle dieser Mitwisserschaft gab, zu gehen: Er meldete sich im Januar freiwillig beim zuständigen Wehrbezirkskommando in Berlin und erwirkte seinen Gestellungsbefehl, den er im Februar zum 1. April erhielt; bei El Alamein wurde er schwer verwundet.

Die Staatsanwaltschaft prüft nun, ob sich auf einem belastenden Schriftstück aus seiner Referatszeit seine Paraphe oder Unterschrift findet.

R. S.