Es sind nicht alle Menschen liebenswert. Sigmund Freud

Unvereinbar

Giorgio Strehler verläßt das Mailänder Piccolo Teatro, das er vor einundzwanzig Jahren zusammen mit Paolo Grassi gegründet hat. Schon in den letzten Jahren hörte man öfter von Rücktrittsabsichten Strehlers; zumeist ging es dabei darum, die Stadt zu einer entschiedeneren finanziellen Unterstützung des Theaters zu bewegen, das unter Strehlers Leitung ohne Zweifel zu dem führenden Theater Europas avancierte und durch eine Reihe von Brecht-, Goldoni- und Pirandello-Inszenierungen seinen Weltruhm immer wieder auch auf Tourneen bestätigte. Jetzt schrieb Strehler dem Bürgermeister der Stadt und dem Aufsichtsrat des Theaters, er wolle sich in voller Unabhängigkeit der Suche nach neuen Arbeitsmethoden widmen können. Diese Absicht sei mit seiner bisherigen Tätigkeit als Direktor des Piccolo Teatro unvereinbar.’ Strehlers Freund de Monticelli gab bekannt, daß Strehler eine eigene, privat finanzierte Experimentierbühne gründen wolle, um "gegenwartsnäher" arbeiten zu können.

Kritische Universität

Den etablierten Universitäten fehlt das Geld für die Reform. Der Kritischen Universität in Berlin, die sich als ein Organ studentischer Selbsthilfe begreift und den etablierten Universitäten zeigen will, wo eine der Wurzeln des Übels liegt, fehlt das Geld für diese Demonstration. Die Kritische Universität hat Arbeitskreise und eine Zentrale, die koordiniert, aber sie kann ihre Vorstellungen von Presse, Erziehung und davon, daß Wissenschaft nicht Selbstzweck sei, nicht in die Tat umsetzen. Wer den Studenten helfen will, den bitten sie, ihnen Geld zu schicken (Postscheckkonto Berlin-West, Nr. 56 836).

Joseph Keilberth

Er feierte seine größten Triumphe mit den deutschen Romantikern, mit Schubert und Pfitzner, Wagner und Schumann, Bruckner und Strauss. Er feierte sie am Badischen Staatstheater in Karlsruhe (1935 bis 1940) und mit den Deutschen Philharmonikern in Prag (1940 bis 1945), mit der Sächsischen Staatskapelle in Dresden (1945 bis 1951) und dem Philharmonischen Staatsorchester in Hamburg (1951 bis 1959), an der Bayerischen Staatsoper und mit den aus seinem Prager Orchester hervorgegangenen Bamberger Sinfonikern. Er war ein Feind des Mittelmaßes: Aufführungen unter ihm wurden unvergeßlich, weil sie sehr viel oder sehr wenig Temperament besaßen. Klangfarbe und große symphonische Form waren seine Objekte, dem Neuen gegenüber verhielt er sich reserviert, und den Starkult hat er immer verachtet. Wie schon 1911 der Generalmusikdirektor des Königlichen Hof- und Nationaltheaters Felix Mottl, brach Joseph Keilberth am 19. Juli im zweiten Akt von Wagners "Tristan" am Pult zusammen und starb noch in der gleichen Nacht, sechzigjährig, an akutem Herzversagen.