Hannover, Ende Juli

Sie sind empört und sie sind stolz – jene 500 jungen Letten aus Westeuropa und Übersee, die in Berlin ihren ersten Weltkongreß abhalten wollten, mit Politik und Tanz, Reden und Liedern. Empört sind sie, weil ihnen die drei Schutzmächte einen Tag vor Eröffnung ihres Treffens die Tür vor der Nase zuschlugen: an diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt, so erläuterten die Alliierten ihr spätes Verbot, sei der Lettenkongreß unerwünscht. Und stolz sind sie, weil sie dem Berliner Senat keinen Schadenersatzprozeß anhängen wollen.

Dabei hatten die 500-Exil-Letten, gebürtig aus Frankreich, Schweden, England, den USA, Kanada, Australien und der Bundesrepublik viel Geld – zum größten Teil aus eigener Tasche – in ihren Kongreß investiert, rund 62 000 Mark. Am 18. Juli aber war ihnen offiziell mitgeteilt worden: „Wir bedauern, Ihnen für die vorgesehenen Veranstaltungen keine Unterstützung gewähren zu können.“ Entfallen war damit nicht nur die obligatorische Stadtrundfahrt; gestrichen war auch der Zuschuß des Bonner Familienministeriums in Höhe von 60 Mark pro Teilnehmer. Und das alles geschah, wohlgemerkt, nachdem den Gastgebern und Geldgebern das Kongreß-Programm seit fast einem Jahr bekannt gewesen war. Für jene 500 Berlin-Besucher war Berlin keine Reise wert.

Dreißig Stunden mußten viele der über Nacht Ausgesperrten warten, bis sie per Flugzeug nach Hannover transportiert werden konnten. Einige waren noch in Berlin geblieben, hatten vor der Kennedy-Gedenkstätte am Schöneberger Rathaus Blumen niedergelegt, dem amerikanischen Außenminister Rusk ein Protesttelegramm geschickt und mit selbstgemalten Plakaten auf dem Ku-Damm demonstriert. Einer schrieb an das Heck seines Autos: „Vorsicht! Bissige Letten“.

Die Letten haben ihren Weltkongreß in „Weltseminar“ umbenannt, diskutieren und singen in der Freiherr-vom-Stein-Schule, schlafen auf Matratzen in den Klassenräumen. An die Fenster kleben sie Zeitungsartikel über die barsche Ausquartierung, dazu ein Stück weißer Pappe, auf das einer einen Kopf Kennedys gezeichnet hat und dessen berühmt gewordenen Appell: „Wenn ihr die Freiheit sehen wollt, kommt nach Berlin.“ Auf einmal klingt das ironisch ...

Ein anderer wurde noch böser. Er fragte: „Mit welchen Gefühlen können jetzt die lettischen Labour-Service-Männer bei der US-Armee, die während der Berliner Blockade bei der Versorgung der eingeschlossenen deutschen Hauptstadt mitwirkten, ihre damals unter Lebensgefahr verdienten Ehrenspangen Berlin-Air-Lift weiterhin tragen?“

Sie sind nur eine kleine Gruppe, meist Studenten. Sie fallen politisch nicht ins Gewicht. Sie haben Sehnsucht nach ihrer Heimat, die sie nicht kennen. Sie sind Amerikaner, Deutsche, Australier. Sie wollten, sagen sie, in Berlin wahrhaftig nichts Böses, diese 500 von insgesamt 150 000 Exil-Letten, die heute im Westen leben. Nicht einmal in Ostberlin, sagen sie, erregte ihr Kongreß Anstoß, im Gegenteil. Noch wenige Wochen vor dem geplanten Tagungsbeginn kam von dort der Brief eines Kulturaustausch-Komitees mit der Bemerkung, Berlin sei ein guter Ort für ein solches Treffen – und mit dem freundlichen Angebot, fünfzig Gesprächsteilnehmer durch die Mauer zu schicken. Dabei mußte den Sowjets schon zu diesem Zeitpunkt das Kongreß-Programm ein Ärgernis sein. Denn dort standen als Diskussionsthemen: Warum sind und bleiben wir Letten? – Die sowjetische Infiltration in der Exiljugend – Zusammenbruch der Sowjetmacht in Osteuropa – Unsere Beziehungen zum okkupierten Lettland. Spät erst kam die Demarche des Ostberliner Sowjetbotschafters Pjotr Abrassimov, sehr spät.