Fragwürdig sind die Helden der "Meistersinger", suspekt ist das Volk, das ihnen am Ende zujubelt und das im Laufe der Handlung eine immerhin bedenkenswerte Entwicklung durchmacht: Im ersten Akt betet es brav; im zweiten prügelt es kräftig — und läßt sich von einem einzigen Nachtwächter verscheuchen; im dritten ruft es donnernd "Heil!" Der Ritter, der das als eine Art Preispokal offerierte Evchen gewinnt, ist ein Mann vom Lande, ein weltfremder Dichter, der die literarische Mode nicht kennt und vom Kulturbetrieb nichts weiß. Doch sein Gesang beseitigt alle Hindernisse, es siegt die große Kunst, die "deutsch und echt". Das jedenfalls sollen wir glauben. Und was geschieht wirklich? Innerhalb von vierundzwanzig Stunden legt Walther von Stolzing einen langen Weg zurück: Seine beiden Lieder lassen es deutlich erkennen. So impulsiv das erste, das ihn vor den Meistern ausweisen soll, so maßvoll jenes, mit dem er auf der Festwiese aufwartet: Rauh und schroff das eine, rund und sanft das andere. Rasch hat die Szenerie gewechselt: Im ersten Lied ein Wald und eine "grüne Vogelweid", im zweiten ein Garten und "das Paradies in himmlisch neu verklärter Pracht". Kein "dürres Laub" mehr und keine "finstren Dornenhecken", hingegen ein "Wunderbaum, von Früchten reich behangen" und ein "Lorbeerbaum, von Sternen hell durchschienen". Man könnte sagen: Hier Sturm und Drang, dort schon klassizistische Glätte. Vor allem aber: Im ersten Akt singt Walther, wie es ihm gefällt, im dritten — um anderen zu gefallen "Fanget an!" ist eine Herausforderung, "Morgendlich leuchtend" ein Kompromiß. An die Stelle der genialischen Improvisation tritt das virtuose Bravourstück. Ein Preislied? In der Tat, denn womit sich Walther den Preis sichert, damit gibt er zugleich seine musischen Ideale preis. Was rühmt nun diese Oper? Den Triumph der "heiPgen deutschen Kunst"? Oder den Erfolg eines Künstlers, der sein ursprüngliches Talent dem Geschmack und den Erfordernissen der Gesellschaft anpaßt, von der er, der Neuankömmling, anerkannt werden möchte? Walthers Sieg ist das Werk dessen, der sich in den "Meistersingern" als allmächtig erweist: Sachs philosophiert wie Faust, organisiert wie Mephisto und kuppelt wie Marthe. Er fungiert als Evchens Beichtvater und als Walthers Mentor, er ist ein resignierender Liebhaber und zugleich ein Propagandaredner, der die Versammelten auf Vordermann bringt, ein feinfühliger Kunstkenner und zugleich ein Führer, der sich vom Volk feiern läßt. Er "zieht an des Wahnes Faden", er schafft Ordnung und stiftet Frieden. Kurz: ein kleiner Gott. Aber auch diese Figur wirkt heute anders, als sie vor hundert Jahren gemeint war. Gewiß bekämpft Sachs den Beckmesser als Repräsentanten überlebter Kunstanschauungen. Doch geht es hier nicht nur um Memungsunter schiede in literarischen Fragen. Dem dichtenden Schuster ist Beckmesser, der Intellektuelle und liebter Schwanke haßt den Ästheten und Theoretiker. Er will ihn vernichten — und dazu sind ihm die perfidesten Mittel recht.

Er hat den Pogrom im zweiten Akt nicht organisiert, aber auch nicht verhindert — obwohl er ihn verhindern konnte. Natürlich schlägt er den Gegner nicht eigenhändig, aber er duldet es, daß sein Lehrbube ihn brutal mißhandelt. Später lockrer den ohnehin verzweifelten und erniedrigten Beckmesser in eine Falle. Am Ende erreicht Sachs sein Ziel: die absolute Blamage und unbarmherzige Demütigung des Feindes vor allem Volk, womit er, da Beckmesser als Merker wie als Stadtschreiber hoch angesehen ist, zugleich die Meistersinger kompromittiert und die Behörden der Stadt Nürnberg der Lächerlichkeit aussetzt. Von Wagner liebevoll gezeichnet, ja geradezu als Idealbild gedacht und schließlich noch mit einer Aureole versehen, erweist sich Sachs als ein Mann, zu dessen zahlreichen Attributen auch Heuchelei und Bosheit, Niedertracht und Grausamkeit gehören.

Das Geniale ist in den "Meistersingern" mit dem Peinlichen untrennbar verquickt und verwöben. Und jene Elemente, die uns in diesem Werk stören oder abstoßen — Deutschtümelei und Chauvinismus, Goldschnitt und Butzenscheibenromantik, Brutalität und Anti Intellektualismus — sind immanente Bestandteile ebenso der Dichtung wie der Partitur: Sie lassen sich mehr oder weniger akzentuieren, aber niemals eliminieren.

Mit puritanischen und kargen szenischen Mitteln, mit der radikalen Stilisierung aller sichtba