Was wird Karajan mit dem „Don Giovanni“ machen? Nachdem es Salzburgs Star-Dirigenten, neuerdings auch -Regisseur und -Entrepreneur, im vorletzten Jahr mit einer wirbelnden „Carmen“-Revue als erstem gelungen war, die Superbühne des Festspielhauses, auf der ein Basketball-Spielfeld bequem Platz fände, wirklich auszufüllen, erregten sich die sonderbaren Gemüter, die so etwas erregen kann, bei dem Gedanken an die erste Premiere der diesjährigen Festspiele: Der Amateur-Regisseur wollte „eines der geheimnisvollsten, größten Werke der gesamten Opernliteratur“ auf die Salzburger Breitwandbühne bringen, von dem ein in der Profession ergrauter Inszenator wie Günther Rennen vor zwei Wochen in der ZEIT schrieb, er halte es „für szenisch unrealisierbar“ (und das, nachdem er es viermal versucht hat!).

Welche Gedanken mochten Rennen bewegen, während er sich ansah, was am 26. Juli im Großen Festspielhaus passierte? (Ich hätte ihn fragen können – aber er hätte es mir wahrscheinlich nicht sagen wollen; und wenn er mir’s gesagt hätte, dann allenfalls off the record = nicht zur Veröffentlichung bestimmt.)

Es kann sein, daß Rennert sich einem „Don Giovanni“ konfrontiert fühlte, bei dem weitgehend seinen eigenen Empfehlungen Rechnung getragen worden war: „... man sollte auch als Regisseur alles daransetzen, in erster Linie den ganzen Kosmos der Musik zum Klingen zu bringen ... und das möglichst ohne Regieambition.“

Karajan enttäuschte seine Kritiker wie seine Bewunderer, indem er genau das tat: Er nachte Musik; was auf der Bühne vorging, schien ihn weniger zu interessieren – viel ging da ja auch nicht vor.

Was Rennert außerdem noch gefordert hatte: „erste Orchester, erste Dirigenten und weitbeste Sänger einsetzen“.

Der bei aller Umstrittenheit doch gewiß zu den „ersten“ zählende Dirigent Karajan und das zweifellos „erste Orchester“ der Wiener Philharmoniker nahmen sich selber zurück, spielten Kammermusik, damit – auch das fand gewiß Rennens Beifall – dieser Oper „abstrakteste Idee ... sinnliche Genialität“ (Kierkegaard) ganz vom genialsten Musikinstrument, der vox humana, getragen werden konnte.

Diese musikalisch vertretbare Konzeption bekommt freilich ein Loch, wenn von acht Stimmen drei ausfallen. So wurden aus Sextetten Quartette, aus Terzetten Duos, immer fehlte da etwas im Sopran oder im Baß und vor allem im Tenor.