Von Hans Wüllenweber

Köln

Die sieben Häftlinge, die am hellichten Nachmittag des 22. Juli aus dem Kölner Klingelpütz türmten, verewigten sich mit Säge und Bettlakenleiter stilecht im Schlußkapitel der Annalen des morsch-modrigen Gefängnis-Methusalems. Mit aller Macht will Klingelpütz-Gebieter Georg Bücker, ein blonder, blauäugiger Hüne, verhindern, daß die Chronik weiterer Ausbrüche wegen noch mit einem Postskriptum geziert werden müßte. Für die kommenden neun Wochen kalkuliert der 45jährige Regierungsdirektor Bücker kühl mit einem heißen Freiheitsdrang seiner 800 Schäflein. Nach 135 Jahren der Tragödien und Tränen, der Komödien und Affären liegt der Klingelpütz in seinen allerletzten Zügen. Wer unbedingt abhauen will, so geht die Hofparole unter den Gefangenen, muß sich sputen. Sonst ist das Sieb dicht. Am 1. Oktober ziehen zunächst die Untersuchungshäftlinge – rund 500 an der Zahl – vom Klingelpütz Nr. 51 in die „modernste Haftanstalt Europas“, nach Köln-Ossendorf, Rochusstraße 350, um. Bis Jahresende folgen ihnen die Strafgefangenen.

Direktor Bücker und etliche Oberbeamte wohnen bereits vor der neuen Mauer in umgrünten Dienstbungalows. Der Chef ist felsenfest überzeugt, daß sich die 50 Millionen Mark für den Neubau lohnen werden, zumindest was die Nummer Sicher betrifft, auf der man Killer und Räuber gern sitzen sieht. Das wissen auch die Gefangenen hinter den graubraunen Ziegelmauern des alten Klingelpütz. Manche von ihnen haben in Ossendorf selbst beim Bau geholfen. Durch den Stahlbetongrill vor jeder der 1100 Zellen sägt sich keiner mehr an die frische Luft. Sollte ein freiheitsliebender Zellenbewohner dennoch eines der flachgehaltenen Hafthäuser illegal verlassen können, so werden ihn „magische Augen“ vor den beiden Mauern, die zu überwinden wären, ertasten und ein Orchester von Alarmsignalen auslösen.

Gewarnt durch den größten und gelungensten Ausbruch in der generationenlangen Geschichte des alten Klingelpütz hat Direktor Bücker die Kontrollmaßnahmen für den Endspurt verstärkt. Vorzeitig trommelte er einige Aufsichtsbeamte aus dem Urlaub zurück. Erst als Bücker sicher war, bis zum Umzugsdatum die aufmerksamste Wacht am Rhein organisiert zu haben, reiste er Sonnabend vergangener Woche in den Schwarzwald, um von dem bösen Streich der sieben Abtrünnigen erholsam Abstand zu gewinnen.

Unterdessen hüten die Vollzugsbeamten, die Erlösung greifbar nahe vor Augen, eine Uraltanstalt, die laut Kölner Stadt-Anzeiger „undicht wie ein Teesieb“ ist. Mindestens 27 Häftlinge – genauso viele wie in einem ganzen Jahr aus allen NRW-Gefängnissen und Zuchthäusern ausbrechen – büchsten in den vergangenen sieben Jahren nachweislich aus dem „Sägewerk“, wie der Kölner „Expreß“ bissig meinte, aus. Die Zahl der Fluchtversuche liegt wesentlich höher, wahrscheinlich auch die Ziffer der gelungenen Ausbrüche, denn nicht immer machte die Anstalt vom Spaziergang eines Einzelflüchtlings viel Aufhebens in der Öffentlichkeit.

Der letzte Fluchtplan war heimliche Hofparole Nr. 1. Er gelang auf simple Art: Über einen der gut funktionierenden Schmuggelkanäle landete in der Zelle des mordverdächtigen Theodor Frielingsdorf, 31 Jahre alt, ein Radio mit brauchbarem Inhalt: einer Säge. Unbemerkt durchtrennten Frielingsdorf & Co. einen der rostigen Gitterstäbe am Korridorfenster der 1. Etage. Dann warteten die Ausbrecher geduldig ab, bis sich zwei Dutzend Aufseher zum Unterricht begaben, um eine Lektion über den Umgang mit gefangenen Zeitgenossen zu büffeln.