E. W. Paris, im August

Vor 12 Jahren noch, im November 1956, als sowjetische Panzer durch Budapest rollten, brachte die Führung der französischen Kommunisten schnell jede interne Kritik zum Schweigen. Sie praktizierte vorbildliche Moskau-Treue. 1964 gab sie zum ersten Mal zu verstehen, daß die Zeit der blinden Gefolgschaft ein Ende habe: Sie nahm Anstoß, weil sie über die Gründe für die plötzliche Entfernung Chruschtschows aus dem Kreml nicht genügend informiert war – aber auch das geschah nur im stillen.

Jetzt ist sie vor die Öffentlichkeit getreten. Das Zentralkomitee der französischen Kommunisten tagte zweimal über den Fall Prag und nahm mit einem Kommuniqué für die Tschechoslowaken Partei, das zwei Forderungen enthielt: Die Probleme zwischen den Bruderparteien müßten durch Verhandlungen gelöst werden; dies könne nur „in der Achtung vor der Selbstbestimmung jeder Partei“ geschehen. Wohl war auch von dem „Geist der proletarischen Internationale“ die Rede. Und als das Organ der Kommunisten, die „Humanité“, diesen Beschluß veröffentlichte, stellte sie noch einen Auszug aus der Moskauer „Prawda“ daneben, in dem vor anti-sozialistischen Kräften gewarnt wurde. Die Warnung an Moskau war schonend vorgetragen, aber eindeutig.

Waldeck-Rochet, der Generalsekretär der KP Frankreichs, wird in seinem Verhalten ohne Frage nicht zuletzt durch innenpolitische Überlegungen bestimmt. Er will die KP auf dem Volksfrontkurs halten, den sie seit Jahren eingeschlagen hat, aber er muß Sorge tragen, die Verbündeten bei der Stange zu halten: In der nichtkommunistischen Linken ist nach der letzten Wahl der Katzenjammer ausgebrochen; das Zusammengehen mit den Kommunisten wird wieder kritisiert. Nur wenn die französischen Kommunisten beweisen, daß sie die Prager Entwicklung nicht gleichgültig läßt, kann diese Krise der Volksfrontpolitik überwunden werden.