„Weltfrieden und Revolution.“ Neun politisch-theologische Analysen; herausgegeben von Hans-Eckehard Bahr; Rowohlt Paperback, 1968, Rowohlt Verlag, Reinbek; 315 Seiten, 10,80 DM

Die Losung „Siehe, ich mache alles neu!“ über einer Kirchenversammlung hätte noch vor wenigen Jahren nur die Bedeutung eines frommen Spruches gehabt. Seit 1966 auf der Genfer Weltkonferenz über Kirche und Gesellschaft jedoch die Vertreter der Dritten Welt unverblümt ihren Anspruch auf eine revolutionäre Umgestaltung proklamierten und bei vielen Vertretern europäischer und amerikanischer Kirchen ein positives Echo fanden, kann man auch eine so fromme und allen Christen vertraute Losung nicht mehr ohne die politische Bedeutung verstehen, die mehr als nur ein Nebenaspekt ist. Dies gilt jedenfalls für die vierte Weltkirchenkonferenz in Uppsala, die kürzlich zu Ende gegangen ist. Man suchte sich dort auch theologisch über die Aufgabe klarzuwerden, die mit den revolutionären Bewegungen in aller Welt den Kirchen gestellt ist. Nicht zufällig war als Berater der vierzigjährige Bochumer Theologe Hans-Eckehard Bahr eingeladen worden, dessen Lehrstuhl den ungewöhnlichen Namen „Lehre von der handelnden Kirche“ trägt.

Die junge Theologengeneration sucht in den Aufsätzen dieses Bandes ihr Verhältnis zur Weltrevolution in Beziehung zur christlichen Botschaft vom Weltfrieden zu klären. Das Buch, das ausdrücklich mit dem Anspruch auftritt, theologisch zu analysieren und zu argumentieren, erstaunt schon dadurch, daß es weithin den theologischen Ansatz vergessen läßt. Die Autoren argumentieren gesellschaftspolitisch, und niemand wird ihnen vorwerfen können, daß sie als Theologen dilettantisch verfahren. Lewis A. Coser und Bayard Rustin untersuchen den Rassenkonflikt in den USA; Sven G. Papcke bietet eine historische Darstellung revolutionärer Bewegungen von der Französischen Revolution bis zum Aufstand in Vietnam; Dieter Senghaas zeigt die Unmöglichkeit auf, durch eine Politik der Abschreckung der Friedlosigkeit in dieser Welt zu dienen.

Das Engagement des Buches zeigt sich in zwei Aufsätzen, die wie eine Klammer das Buch umspannen. Der Herausgeber Bahr beginnt mit dem Widerspruch zwischen den christlich motivierten Friedensbeteuerungen des amerikanischen Präsidenten (Weihnachten 1967) zu den gleichzeitig in einem Kinderheim in Vietnam explodierenden Sprengkörpern und demonstriert damit die Insuffizienz jenes „inneren Friedens des Herzens“, der nach außen sich nur als technokratischer Friede der Repression auswirken kann. Hans-Jürgen Benedict zeigt am Schluß des Buches das Ungenügen aller kirchlicher Friedensappelle bis hin zu denen der Prager Friedenskonferenz, weil sie Unfrieden wie ein Verhängnis verstehen und keine Schuldigen zu behaften wagen.

Die theologische Brisanz des Buches steckt in der Mitte. Der Aufsatz des Hamburger Privatdozenten Hans P. Schmidt „Schalom: Die hebräisch-christliche Provokation“ bietet die theologiegeschichtliche Erklärung für das Versagen der Kirchen in Sachen Frieden. Er weist theologisch und politisch die notwendige, aber bisher nicht wahrgenommene Aufgabe derer nach, die sich nach Jesus von Nazareth nennen, den seine Janger, die Christen, den Israel verheißenen Messias – Christus – nennen. Er zeigt zuerst in historischer Darstellung die Fragwürdigkeit der antiken Friedensvorstellungen auf, das mythische Friedensbewußtsein der pax Babylonica und den politischen Friedensgedanken der pax Romana. Den tragischen Grundzug dieser Friedensbemühungen zeigt Schmidt mit dem Satz: „Die klassischen Friedenskonzeptionen boten keine praktikable Theorie für den geschichtlich gesellschaftlichen Wandel.“ Darauf folgt positiv in erregenden Formulierungen die Darstellung des alttestamentlichen „Schalom“: „Schalom ist nicht Inbegriff einer unwandelbaren Friedensordnung, sondern Leitwort einer Bewegung, in der Menschen zum rechten Umgang mit den ihnen gewährten, jedoch von ihnen erst wahrzunehmenden Lebensmöglichkeiten befreit und ermutigt werden... Der Gott, von dessen Wirken die biblischen Überlieferungen Kunde geben... hat sich... als der offenbart, welcher in den geschichtlichgesellschaftlichen Prozessen am Werk ist... Schalom ist ein soziales Geschehen. Keine vorgegebene Ordnung, der sich jeder einzelne zu fügen hat, damit nicht grenzenloser Unfug geschehe, sondern ein Prozeß der Sozialgesetzgebung, der Rechtsprechung und des Rechtsbeistandes, an dem sich jeder einzelne zu beteiligen hat, damit das Notwendige rechtzeitig auf die rechte Weise geschieht... Eine Trennung von ‚Religion‘ und Politik widerstreitet seinen Intentionen... er kommt der Revolution Gottes gleich, die Welt und Mensch real transzendiert.“

So hat die christliche Theologie Schalom bisher noch nicht gesehen. Dieser im Alten Testament proklamierte und im alten Israel immer wieder modellhaft verwirklichte Friede ist von Jesus und den ersten Christen „öffentlich geworden und (für alle Welt) in Kraft gesetzt“.

Diese frühchristliche Utopie vom Frieden als der Überwindung aller trennenden Mauern, als der Bejahung der ethnischen und politischen Differenzen auf der Grundlage des Miteinanders, ging bald verloren. Schon früh bildete sich ein Friedensbewußtsein der Christen heraus, das sauber unterschied zwischen dem „himmlischen Frieden“ und dem „irdischen Frieden“, der wieder unter dem Einfluß der antiken Kosmologie „als ein allgemeines, zeitunabhängiges Seinsprinzip gedacht (wurde)“. Und so wurde für Augustin bereits Friede „zum Inbegriff einer Ruhe und Ordnung“. Es kann dann nicht mehr verwundern, daß sowohl die Todesstrafe wie der Krieg und die Sklaverei sich in ein derartiges Verständnis des Friedens einordnen ließen.