Von Jürgen Claus

Bei jedem Grenzübertritt habe ich meine eigene Arbeit dreimal verflucht. Müssen wir Künstler wie die Zirkusunternehmer bepackt in die Städte fahren, in denen uns Ausstellungen erwarten? Müssen wir denn Diskussionen abwickeln mit verschieden gelaunten Zollbeamten, daß dies keine Kunst, sondern eine Dekoration, daß dies keine Kunst, sondern work in progress sei?

Von einem Computer-Kongreß in Berlin habe ich mir letzte Woche einen Lochstreifen mitgebracht, auf dem das Programm einiger Computer-Zeichnungen von Nees ist. Werde ich eines Tages selber in der Lage sein, Programme für Computer zu entwerfen, so läßt sich eine Methode für Ausstellungen vorstellen, die den Zollkram, die den Werktransport (inklusive Frachtbeschädigungen) ausschließt. Per Lochstreifen wird mein Programm zu meiner Galerie in Toronto durchgegeben, ein Autograph setzt es dort visuell um. Durch die Laser-Holographie wird es plastisch, also dreidimensional projiziert.

Das setzt zweierlei voraus: meinen Willen, mich mit den Programmierern zusammenzutun, mich ihrer Techniken zu bedienen; und die Offenheit der Industrie und ihrer Spezialisten, dem Künstler den kreativen Gebrauch ihrer Systeme und Apparate zu ermöglichen. Die Schaltzelle, die es bislang für solche Kommunikation gibt, nämlich die Informationsästhetik und ihre Fachleute, reicht nicht aus.

Das war jedenfalls einer der Veranstaltungen des Computer-Kongresses, der zur Zeit unter dem Titel „Der Computer in der Universität“ von der Technischen Universität Berlin zusammen mit dem bedeutendsten technischen Lehrinstitut der Welt, dem Massachusetts Institute of Technology, veranstaltet wird, zu entnehmen.

Vorträge und Diskussionen über „Computer und bildende Kunst“, von Max Bill geleitet, wurden zu einem random walk, nämlich einer Irrfahrt in computerisierter Kunstproduktion. Während unsere Informationsästhetiker immer noch dem Quadrat im Quadrat nachrennen und die Informationswerte verschieden gelagerter Quadrate (Rechtecke) errechnet haben, die Wahrnehmung der Wanderungen des Rechtecks naturwissenschaftlich erfaßt haben, ist mit dem visuellen Ergebnis oder ihrer visuellen Vorlage mittlerweile kein Hund mehr aus der Hütte zu locken. Sie treffen sich nicht, der Künstler und der Informationsästhetiker.

Sicher muß, wie Herbert W. Franke fordert, der Künstler Strategien anwenden, die die Wahrnehmung des Betrachters aufrechterhalten können. Das wird beispielsweise im audio-visuellen Raum realisiert, in dem der Künstler verschiedene Medien koppelt. Gerade solchem aktuellen Vorgehen – Verräumlichung der Kunst, Einbeziehung des Betrachters durch Aktions- und Spielräume – scheint die Informationsästhetik nicht gewachsen. Seit ihrer Geburtsstunde und der Einfachheit halber denkt sie in „konkreten“ Strukturen simpelster mathematischer Flächenaufteilung (Bense, der die Informationsästhetik wesentlich aufgebaut hat, ist der Bildwelt von Max Bill sehr verbunden). Überdies ist sie in ihrer Kommunikation zur Zeit nicht fähig, die Schlüsse ihrer Forschungen einzusetzen.

Nochmals: soll es zu einer kybernetischen Kunsttheorie kommen, so muß sich diese aus dem Denken in Rasterkategorien gewaltig entfernen. Daß sie am Anfang steht, entbindet sie nicht, aktuell und anwendbar zu sein. Das Unbehagen den augenblicklichen Computerzeichnungen gegenüber resultiert daher, daß hier mit vergleichsweise ungeheurem technischen Aufwand ein Minimum erzielt wird, das in der Kunstgeschichte überdies längst ad acta gelegt wurde. Vom Künstler her werden mehr als bislang Forderungen gestellt werden müssen, er muß sich in den funktionell gerichteten Prozeß einschalten und ihn von innen her spielerisch, schöpferisch, verändernd sprengen oder zumindest in den Griff bekommen.