Stuttgart

Der eiserne Vorhang ist gefallen. Deutschlands teuerste Kriminalkomödie mit „Schirm, Charme und Melone“ ist zu Ende: Acht Jahre und vier Monate Zuchthaus für Vernon Kronenberg, vier Jahre und sechs Monate Zuchthaus für Helga Kronenberg, zwei Jahre und zwei Monate Gefängnis für Rechtsanwalt Dr. Oskar Ruisinger. Rund eine Viertelmillion Mark hat die Aufführung gekostet, an 111 Tagen traten die Akteure vor der VIII. Großen Strafkammer des Landgerichts Stuttgart auf, 192 Zeugen und neun Sachverständige unter ferner liefen.

Die Rollenbesetzung: der 45 Jahre alte Vernon, Sohn einer im Dritten Reich aus Berlin nach Amerika emigrierten jüdischen Bankierfamilie als Hochstapler – 30 Scheinfirmen von 1957 bis 1961 gegründet, keine Mark mehr übrig. Helga, seine Frau, 43 Jahre alt, eine Stuttgarter Geschäftstochter, als Dame von Welt und Mitwisserin. Oskar, ehemals bekannter Stuttgarter Strafverteidiger, als „Kronprinz“ und „Adjutant“ Kronenbergs. Ihr Teamwork: Gemeinschaftlicher Betrug.

Ihre Opfer: die Stinnes-Bank in Mülheim an der Ruhr und die Bank für Oberösterreich in Linz, deren gemeinsamer Schaden etwa fünf Millionen Mark; die Volksbank in Stuttgart-Zuffenhausen, deren Verlust 3,3 Millionen Mark durch ungedeckte Schecks; der inzwischen verstorbene Stuttgarter Industrielle Otto Stahl hat sein gesamtes Privatvermögen mit 2,5 Millionen Mark verloren; Allgemeine Wirtschaftsbank Berlin, inzwischen in Konkurs geraten, 700 000 Mark Schaden. Bilanz: 600 Millionen Mark Umsatz, 14 Millionen Mark Schaden, alles mit Scheck- und Wechselreitereien.

Die Handlung: 1952 kommt das geschäftstüchtige Ehepaar Kronenberg in der Touristenklasse aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten nach Deutschland. Laut Visitenkarte Präsident der Standard Continent Export Company in Panama, reist Vernon mit Helga los auf krumme Touren. Sie gründen Scheinfirmen in Tanger, Banken in Liechtenstein, drucken Aktien in Stuttgart, kaufen eine Bank in Berlin und eine Fabrik in Mailand, wohnen in Hotelappartements, fliegen im eigenen Flugzeug mit eigenem Piloten, beschäftigen Privatsekretäre und schließen Freundschaft mit Oskar Ruisinger. Ruisinger vermittelt weitere Geschäftsbeziehungen, sprich Kredite. Die alten Schulden werden mit neuen Schulden getilgt. Frau Helga verkörpert mit viel Extravaganz den Wohlstand, Ruisinger setzt seinen guten Namen aufs Spiel. 1962 platzt der letzte Wechsel.

Landgerichtsdirektor Kindermann führt Regie: Am Ende der Beweisaufnahme muß man die Frage stellen, ob Vernon Kronenberg oder Oskar Ruisinger der Hauptangeklagte ist. Und Vernon antwortet: „Ich wollte nicht betrügen.“ Helga weint, und Oskar bekennt: „Ich habe nie einen Menschen um eine Mark gebracht.“ Fünfzig Jahre lang sei er anständig und unbescholten durchs Leben gegangen. Wenn er im Sinne des Strafrechts verurteilt würde, dann würde das die Vernichtung seines Weltbildes bedeuten. „So unschuldig, wie ich hier bin, ist wohl noch nie ein Angeklagter im Saal gestanden“, glaubt der frühere Strafverteidiger zu wissen. Anders der Vorsitzende: „Ohne Dr. Ruisinger hätte es in Stuttgart niemals die Affäre Kronenberg gegeben.“

Rollenprobe Ruisinger: „Kronenberg hat mich um mein ganzes Vermögen gebracht. Ich war das Aushängeschild und das arme unwissende Opfer.“ Der Vorsitzende: „Dr. Ruisinger hat für die Kammer jeglichen Anspruch auf Glaubwürdigkeit verloren. Zunächst war das Gericht bereit, ihm, dem Rechtsanwalt und Organ der Rechtspflege, zu glauben. Er bekam besonderen Kredit an Glaubwürdigkeit eingeräumt. Dieser Kredit ist restlos verspielt.“ Und: „So handelt kein Betrogener, der er sein will, sondern so handelt nur ein Komplice. Er hat wöchentlich zwischen 900 und 1400 Mark Honorar von Kronenberg erhalten.“