Von Hans Gresmann

Kardinal Ottaviani, Roms mächtiger Konservativer, hat im Blick auf die Bevölkerungsexplosion einmal erklärt: „Könnte Gott sich die Vorsehung nennen, wenn er nicht für den Unterhalt der Menschen Vorsorge getroffen hätte?“ An einem solchen Zeugnis starrer Glaubensgewißheit zerschellen alle weltlichen Argumente. Auch Millionen Verhungerter haben da keine Beweiskraft.

Anders verhält es sich mit dem Appell, den Papst Paul VI. in seiner jüngsten Enzyklika „Humanae vitae“ (vulgo: Pillen-Dekret) an die Regierungen der Welt richtete. Wie schon zuvor in seiner Rede vor den Vereinten Nationen in New York forderte er von den Politikern und Wirtschaftlern, mit allen modernen Mitteln Hunger und Elend zu beseitigen – statt auf die Unterdrückung neuen Lebens zu sinnen. Dies ist, zum Teil jedenfalls, ein weltliches Argument, und so unterliegt es auch weltlicher Kritik.

Nach den Berechnungen einer UN-Studie werden im Jahre 2000 mehr als sechs Milliarden Menschen auf diesem Erdball leben – sofern es nicht gelingt, die Geburtenrate zu drosseln. Und es gibt keinen ernsthaften Wissenschaftler, der die Prophezeiung wagte, daß die Welt bis dahin Brot genug hätte für sechs Milliarden.

Eine vatikanische Kommission von Theologen, Ärzten und Soziologen, eingesetzt 1963 von Johannes XXIII., 1964 von Paul VI. erweitert durch Kardinäle und Bischöfe, hat über die Frage, ob die katholische Morallehre mit der modernen Empfängnisverhütung zu vereinbaren sei, beraten. Der Mehrheitsbericht wurde dem Papst 1966 von Kardinal Döpfner überreicht. Darin kam zum Ausdruck, daß die Grundthese der katholischen Sittenlehre, der menschliche Geschlechtsakt sei seiner Natur nach allein auf Zeugung ausgerichtet, angesichts der heutigen biologischen und anthropologischen Einsichten nicht mehr aufrechterhalten werden könne. Daraus ergab sich zwangsläufig die Möglichkeit einer kirchlichen Sanktion für kontrakonzeptionelle Methoden – auch künstlicher Art (dem – unsicheren – Vorgehen nach Knaus und Ogino hatte schon Pius XII. seine Billigung erteilt).

Zugleich mit dem Mehrheitsgutachten der Kommission hatte Kardinal Ottaviani dem Papst einen Minderheitsbericht vorgelegt, der die folgerichtliche Verbindlichkeit vatikanischer Lehrsätze den Forderungen der Gegenwart überordnete. Ottaviani steht in der Kontinuität des Kirchenvaters Augustinus, der im 4. Jahrhundert verkündete: „Der Geschlechtsverkehr, bei dem die Empfängnis bewußt verhütet wird, ist unerlaubt und böse.“

Dieser Maxime sind katholische Moraltheologen durch Jahrhunderte gefolgt, und auch in jüngerer Zeit hat kein Pontifex maximus sie in ihrer Substanz verändert. Sollte, so die Befürchtung Ottavianis, das Axiom, der Intimverkehr sei seinem Wesen nach auf Zeugung ausgerichtet, durch die päpstliche Billigung empfängnisverhütender Mittel aufgehoben werden, dann könnte bei den Gläubigen Zweifel aufkeimen auch an der Verbindlichkeit anderer päpstlicher Entscheidungen. Das müsse notwendigerweise einen Autoritätsschwund der Kirche zur Folge haben.