Von Hilke Schlaeger

Als Erich Loos zum Dekan der Philosophischen Fakultät an der Freien Universität Berlin gewählt wurde, erhielt er die Kennmarke „Der rote Dekan“. Am Ende dieses Sommersemesters sah Loos, Ordinarius für Romanistik, der als liberal, aber unpolitisch gilt, sich plötzlich vor den Karren der Berliner CDU-Opposition gespannt: Seine Sorgen um den wissenschaftlichen Fortbestand der Philosophischen Fakultät wurden benutzt für ein abgekartetes parteipolitisches Spiel, bei dem es – nicht zum erstenmal – um den Kopf des Senators für Wissenschaft und Kunst, Werner Stein, gehen sollte.

Loos hatte dem Senator einen Brief geschrieben, in dem er um eine an deutschen Hochschulen einigermaßen ungewöhnliche Sonderregelung bat: Zwei Privatdozenten sollten der Freien Universität durch Berufungen auf Ordinariate erhalten bleiben. Um sie, einen Kunsthistoriker und einen Psychologen, in Berlin zu halten, griff Loos – wie es so geht, wenn man unbedingt etwas durchsetzen möchte – mit Macht in die Saiten und malte den bestehenden Zustand an der Fakultät noch ein bißchen schwärzer, als er ohnehin in allen Universitäten ist.

Im Vertrauen darauf, nur der Senator werde seinen Brief lesen, schrieb der Dekan: „Die Philosophische Fakultät muß damit rechnen, daß viele Kollegen, die in der nächsten Zeit Rufe an andere Universitäten erhalten werden, auch bei günstigsten Bleibeverhandlungen nicht mehr an der Freien Universität bleiben wollen. Von vielen Kollegen weiß ich aus mündlichen Gesprächen und offiziellen Erklärungen, daß sie Berlin sofort verlassen werden, wenn ein Ruf an sie ergeht... Leider werden gerade die besten, reformwilligsten und liberalsten Kollegen darunter sein.“

Den am 17. Juli geschriebenen Brief las der Senator am 23. in der Welt, „unwesentlich gekürzt“ – nämlich um jene Absätze, in denen stand, warum der Brief geschrieben worden war: wegen zweier Berufungen am Ort. Erst danach bekam er auch das Original zu Gesicht.

Man ist versucht, die lange Zeit, die das Schreiben brauchte, um auf publizistischen Umwegen auf den Schreibtisch des Senators zu gelangen, als ein Symbol für die Distanz zwischen Hochschule und Staat zu nehmen – eine Distanz, die den Professoren offenbar das Gespür für die politische Brisanz ihres Handelns nimmt.

Wie es sich gehört, hatte Loos dem Rektor der Freien Universität einen Durchschlag seines Schreibens geschickt. Und Ewald Harndt, nachdem er sich beim Dekan rückversichert hatte, daß er den Brief „zu Informationszwecken auswerten“ dürfe, gab ihn seiner Pressestelle, die ihn in die Öffentlichkeit brachte – wie Harndt in einer Sitzung des Universitätskuratoriums versicherte, „mit Wissen und Einverständnis“ des Dekans, wie er dem Wissenschaftssenator sagte: „Damit Sie endlich mal etwas unternehmen.“