Von Nina Grunenberg

Beim Maßstab 1 : 1 500 000 ist Wiehl auf der Autokarte noch nicht verzeichnet. Erst bei 1 : 500 000 taucht es als winziger Punkt im Westen auf: 52 Kilometer von Köln entfernt, 60 Kilometer von Düsseldorf, 55 Kilometer von Bonn. Das sind Wegestrecken, die die Wiehler im Kopf haben müssen, wenn sie erklären wollen, wo sie zu finden sind. Auf diese Kilometerzahlen stützt sich ihre Werbung im Rheinland: „Wiehl – der beliebte Luftkurort im Herzen des Oberbergischen Landes“ lockt zum Ausflug, vor allem wirbt man mit der Tropfsteinhöhle, „ein bedeutendes Naturwunder“. Ist Wiehl von Belang?

Das Gebiet der Gemeinde Wiehl umfaßt 28,45 Quadratkilometer Grundstücksfläche. Ein Starfighter überfliegt die Wiehler Grenzen in dreißig Sekunden, reichlich bemessen. Die Gemeinde gliedert sich in 28 unselbständige Ortschaften (die größte, Wiehl, gibt dem Ganzen den Namen); in ihnen leben 11 372 Bürger der Bundesrepublik. Es sind Arbeiter und Angestellte, kleine Gewerbetreibende und einige Bauern. 1965 hatte Wiehl noch neunzehn komplette Bauernhöfe, 1939 waren es 52. Die Wiehler sind zu 80 Prozent evangelisch; die Katholiken kamen erst mit den Flüchtlingen. Regiert werden sie von einer dreizehnköpfigen CDU/FDP-Koalition in der Gemeindevertretung; zwölf Sozialdemokraten sitzen in der Opposition. Auch daran ist abzulesen, daß Wiehl keine landwirtschaftlich strukturierte Gemeinde mehr ist, sonst wäre sie noch eine Domäne der CDU. Doch ist das wichtig?

Am Abend des 6. Juni nahm ich in der Gemeinde an einer Bürgerversammlung teil, die ihrer Bedeutsamkeit wegen hier zu Protokoll genommen werden soll. Beim ersten Augenschein lesen sich die Dinge, um die es an jenem Abend ging, vielleicht etwas exotisch. Am gleichen Tag hatte die Nachricht von Robert Kennedys Tod die Welt bestürzt. Aber davon redete an diesem Abend niemand. Die Fragen, die die Leute in Wiehl bewegten, lauteten vielmehr:

Eine Schule oder keine Schule? Eine Teerstraße oder ein Lehmpfad? Urbanisierung oder dörfliches Leben? Eine demokratische Partei oder die NPD?

Es sind Existenzfragen, die nicht nur die Wiehler beschäftigen. In ein paar hundert Gemeinden in den ländlichen Gebieten der Bundesrepublik entscheidet sich jetzt, ob ihre Bewohner den Sprung auf den Zug in die Zukunft noch wagen wollen oder ob sie passen und zurückbleiben werden. Und so gesehen darf das Wiehler Protokoll so wichtig genommen werden wie ein Auszug aus einer Debatte im Bundestag.

Einziger Tagesordnungspunkt der Bürgerversammlung, die an jenem Abend in der ausgedienten Oberwiehler Schule stattfand: der geplante Zusammenschluß der Ortschaften Oberwiehl (1725 Einwohner) und Wülfringhausen (236 Einwohner) mit der Ortschaft Wiehl (2922 Einwohner). Anwesend sind: der Bürgermeister der Gemeinde Wiehl und seine beiden Stellvertreter, der Gemeindedirektor Dr. Horst Waffenschmidt, mehrere Gemeinderäte, rund hundert Bürger.