Von Veronika Grudinski

Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden, ist ein hartes Stück Arbeit. Obendrein unterliegt seine Wahl auch einem komplizierten System. Erst finden die „Primaries“ (Vorwahlen) statt, die Parteikongresse in den Bundesstaaten; darauf folgen die „Conventions“ (Nominierungskongresse) der Bundesparteien, anschließend die indirekte Präsidentschaftswahl durch das Wahlmännerkollegium. Dieses Stufensystem indessen, einzigartig in der Welt, ist in der amerikanischen Verfassung nur vage umschrieben; es ist eher das Ergebnis eines langen historischen Prozesses. So hat sich das Wahlrecht in der Praxis immer stärker von der indirekten zur direkten Wahl entwickelt.

Seit 1836 finden in allen US-Bundesstaaten Parteitage statt, um Kandidaten für lokale Ämter, für Positionen auf einzelstaatlicher und Bundesebene zu nominieren. Der Konvent war jedoch, trotz gegenteiliger Beteuerungen seiner Fürsprecher, nur seltenem Instrument des Volkes. Schon bald beherrschte der Parteiapparat die Szene. Die „Parteibosse“ kauften die Delegierten, die wichtigen Personalentscheidungen wurden in Hinterzimmern ausgehandelt. Die „Maschine“ beherrschte das politische Leben. Zum Bruch mit diesem System kam es zuerst in Wisconsin, wo unter dem Gouverneur La Follette im Jahre 1903 direkte Vorwahlen („Primaries“) jedem Bürger die Chance gaben, die Kandidatenaufstellung zu beeinflussen.

In den folgenden Jahren führten auch andere Bundesstaaten die „Primaries“ ein; doch nicht überall wurden sie beibehalten. Heute können sich nur die Einwohner von vierzehn Bundesstaaten und im District of Columbia, der Hauptstadt Washington, an diesen Vorwahlen beteiligen. Nicht überall herrscht auch der gleiche Wahlmodus: In einigen Staaten kann man nur über die Kandidaten der Partei abstimmen, die man später wählen wird, in anderen Staaten darf man auch nach der Registrierung für eine Partei in der „Primary“ zu einer anderen Partei überwechseln. Einige Vorwahlen schließlich sind völlig „offen“: man kann mitwählen, wo man will. Die zur Wahl stehenden Kandidaten müssen sich für einige „Primaries“ fristgerecht anmelden, in anderen hat der Wähler die freie Wahl. Diese Unterschiede und die jeweilige soziologische Struktur der „Primary“-Staaten geben jedem Wahlsieg seine spezifische Bedeutung.

So war es für den Demokraten McCarthy als unbekanntem Herausforderer wichtig, in der ersten „Primary“ in New Hampshire möglichst viele Stimmen zu gewinnen. Er erhielt über 40 Prozent, gefährdete damit Johnsons sicher scheinende Wiederwahl und ermöglichte indirekt Robert F. Kennedys Kandidatur. Bei der „Primary“ in Wisconsin können die Wähler, die sich bereits für eine Partei entschieden hatten, zu einer anderen wechseln. Etwa 20 Prozent der republikanischen Wähler gingen 1968 zu den Demokraten und wählten McCarthy.

Die Teilnahme an den „Primaries“ ist die freie Entscheidung des Kandidaten. Die „Vorwahl“ ist freilich nur einer der möglichen Wege zur Präsidentschaft. Seine erste Entscheidung trifft der Bewerber, wenn er offiziell seine Kandidatur bekanntgibt. Ist er kaum bekannt (wie im Fall McCarthy), so muß er das frühzeitig tun; dann ist er im Gespräch. Die Gefahr ist aber, daß er dann auch ständig angegriffen wird und schon vor der „Convention“ verschlissen ist. Daher gibt es auch Kandidaten, wie den Republikaner Reagan, die stets behaupten, sie stünden nicht zur Wahl. Mit diesem Trick erhielt Reagan als „Nicht-Kandidat“ bei den offenen „Primaries“ im Durchschnitt zwischen fünf und zehn Prozent. Das ist viel für ihn.

Die offiziellen Kandidaten beteiligen sich nur dann an den Vorwahlen, wenn sie mit einem Erfolg rechnen können. Daher nimmt ein Kandidat nur selten an allen „Primaries“ teil. Denn der Preis dieser Vorwahlen sind nicht die wenigen Delegierten, die für die „Convention“ gewonnen werden können. Die eigentliche Entscheidung über die Delegierten fällt nach den „Primaries“ auf den Parteitagen der Einzelstaaten.