Bernd Alois Zimmermann: „Die Soldaten“; Ensemble der Städtischen Bühnen Köln, Gürzenich-Orchester, Leitung: Michael Gielen; Wergo 60 030/I-III, 58,– DM.

Melodie-Detektive finden eingeblendeten Bach, Josquin, etwas Gregorianik und eine Prise Jazz. Stil-Fetischisten stoßen auf Ligetis Klangteppiche, Pendereckis Clusters, Nonos Schlagzeugekitasen und Sopran-Akrobatik à la Boulez. Struktur-Analytiker sehen Tonhöhen- und Tempo-Verläufe auf die Proportionen einer Allintervall-Reihe bezogen. Daraus könnte man den Schluß ziehen, Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ sei nur eben ein weiterer Modeartikel.

Der Schluß wäre falsch. Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ ragt aus der gesamten musikdramatischen Nachkriegsproduktion weit heraus. Nicht, oder nicht nur, weil sie mehr, bessere und historisch stimmigere Musik enthält als das, was im Musiktheater der Gegenwart sonst so angeboten wird. Sondern, weil sie der Musik eine neu durchdachte Funktion gibt.

Jakob Michael Reinhold Lenzens Geschichte vom Bürgerstöchterlein, das sich mit den adligen Offizieren einläßt und in der Gosse endet, wird aufgelöst in Bilder und Zwischenspiele; statische Arien und Duette, in denen die Zeit stehen zu bleiben scheint; zwei- bis zwölfteilige Simultan-Szenen, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig behandeln; dynamische Interludien, die Zeit in Bewegung bringen, indem sie zwischen Vergangenheit und Zukunft kompositorisch vermitteln. Diese Interludien aber greifen den Sinn der umliegenden Bilder an, rauben Arien und Duetten ihre Unschuld, denunzieren sie als Bestandteile einer manipulierbaren Zitat-Welt. Zeit wird damit aufgehoben und die Geschichte zur Chiffre für einen Zustand erklärt.

In den „Soldaten“ hat so die Musik das letzte Wort. Das kommt der Schallplatte zugute. Zwar gibt sie kaum einen Eindruck von der virtuosen Mischung der Ausdrucksmittel, und die formal relevante Auffächerung der Schauplätze und Klangquellen ist vollends dem monauralen Aufnahmeverfahren zum Opfer gefallen. Dennoch: Die Aufzeichnung der von Michael Gielen geleiteten Kölner Inszenierung wirkt so stark, daß man auf die obligate Pause nach dem 2. Akt gern verzichtet. Hansjörg Pauli