Von Curt Gasteyger

Das Auftreten sowjetischer Flotteneinheiten in einem bisherigen Reservat westlicher Seemacht könnte das Ende einer Ära bedeuten, in der das Mittelmeer fast immer unter der Vorherrschaft einer einzigen Macht stand. Der „Pax Romana folgten Jahrhunderte islamischer Herrschaft, die ihrerseits allmählich durch das spannungsreiche Verhältnis zwischen der Hohen Pforte und dem aufsteigenden britischen Weltreich abgelöst wurde. Der Suezkanal machte sodann das Mittelmeer zum wichtigsten Bindeglied zwischen dem Atlantischen und dem Indischen Ozean.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann es als strategische Verbindung zwischen Ost und West zusätzliche Bedeutung. Es bildete fortan die Brücke zwischen dem europäischen und dem asiatischen Teil des Systems westlicher Abschreckung gegen den kommunistischen Block. Auch diesmal blieb es unter dem Einfluß einer einzigen Mächtegruppe, der atlantischen Allianz, wobei allerdings zum erstenmal eine außereuropäische Macht, die Vereinigten Staaten mit der Sechsten Flotte, das wichtigste Instrument zu seiner Beherrschung lieferte.

Jetzt hat es den Anschein, als ob das Erscheinen der Großmacht Sowjetunion diese Tradition monopolistischer Vorherrschaft durchbrechen wird. Seit dem arabisch-israelischen Krieg im Juni 1967 hat Moskau seine politische und militärische Präsenz im östlichen Mittelmeer ständig verstärkt, und nichts deutet darauf hin, daß es sich in absehbarer Zeit wieder zurückziehen will. Der Alarm in westlichen Kreisen mag voreilig oder übertrieben erscheinen. Trotzdem: Dieses neue Engagement Moskaus in einer strategisch zentralen Region der Weltpolitik wird weitreichende politische und militärische Folgen haben.

Einmal weist das sowjetische Engagement auf einen weiterreichenden Wandel in der sowjetischen Strategie hin; zum andern berührt es einen besonders konfliktreichen Raum, der gegenüber machtpolitischen Veränderungen äußerst empfindlich reagiert. So haben, unabhängig vom Nahost-Konflikt, eine Reihe anderer Entwicklungen das Mittelmeer gegenüber einer sowjetischen Herausforderung verletzlich gemacht. Zu ihnen zählen der bevorstehende Abzug Großbritanniens aus Asien und dem Mittleren Osten, der Militärputsch in Griechenland, die immer noch ungelöste Zypernkrise und die latenten griechisch-türkischen Spannungen; hinzu kommen die Auseinandersetzung um Gibraltar zwischen Spanien und England, Frankreichs Austritt aus der Militärorganisation der NATO, sein Rückzug von den Marinestützpunkten in Tunesien und Algerien sowie seine in Rivalität zu Washington und London aktivierte Mittelostpolitik, die Unsicherheiten italienischer Innenpolitik und schließlich die vielfältigen Spannungen zwischen dem Westen und der arabischen Welt ebenso wie unter den arabischen Ländern selbst.

Theoretisch könnte die Sowjetunion daraus Nutzen ziehen, wenn der Mittelmeerraum als eine politische und strategische Einheit angesehen würde, auf die eine Großmacht wie die Sowjetunion nach Belieben Einfluß nehmen kann. Die Vereinigten Staaten haben in den fünfziger Jahren allerdings die enttäuschende Erfahrung gemacht, daß genau dies nicht möglich ist. Es gibt in der Welt kaum eine geographische Region – vielleicht mit Ausnahme Südostasiens –, die in sich gespaltener und uneinheitlicher wäre als das Mittelmeer. Seine fünfzehn Küstenstaaten haben weder ihrer innenpolitischen Verfassung noch ihrem wirtschaftlichen Entwicklungsgrad nach irgendwelche Gemeinsamkeiten. Es bleibt deshalb höchst zweifelhaft, ob jemals eine Macht noch überragenden und dauerhaften Einfluß im Mittelmeerraum gewinnen kann.

Von hier aus wird man auch die sowjetische Präsenz und ihre Ziele beurteilen müssen. Sie reflektieren weniger den Versuch, die westliche Vorherrschaft durch die eigene zu ersetzen, als die Grundlagen für eine glaubwürdige Nahostpolitik zu schaffen. Hierbei knüpft Moskaus Drang nach einem dauerhaften Zugang zum Mittelmeer an die zaristische Tradition an. Sowjetische Flotteneinheiten halten sich auch keineswegs erst seit dem Juni vergangenen Jahres im Mittelmeer auf. Bis zum Bruch mit Albanien (1961) gab es einen Stützpunkt für U-Boote an der adriatischen Küste; der gegenwärtige Aufbau der Mittelmeereinheiten begann dann 1964 als Teil der sowjetischen Schwarzmeerflotte. Wichtiger als das oft zitierte Erscheinen sowjetischer Kriegsschiffe im Mittelmeer ist also Moskaus Entscheidung, sich dort politisch und strategisch festzusetzen.