Celle

Keine Todesanzeige stand in der Lokalzeitung. Statt dessen berichtete ein Zweispalter im Textteil über ihn: Adolf Bergeest: „Er saß am längsten hinter Zuchthausmauern.“ Ein neuer Rekord. Mit neunzehn Jahren stand Bergeest zum ersten Male im Jahre 1905 in Stade vor Gericht. Er hatte eine fünfundzwanzigjährige junge Frau mit einem Revolver erschossen. Die Buße währte lang, nach fünfzehn Jahren im Zuchthaus Lüneburg durfte Bergeest die Freiheit wiedersehen – resozialisiert? Noch im Jahr seiner Entlassung, 1920, ermordete er wiederum eine junge Frau – aus Eifersucht. In Stade verurteilte ihn das Gericht zum Tode, der preußische Ministerpräsident begnadigte ihn zu lebenslangem Zuchthaus, was zur Weimarer Zeit in der Regel bedeutete: Entlassung nach fünfzehn Jahren.

Adolf Bergeest wurde nie entlassen. Es war sein Pech, daß die Weimarer Zeit dem Totalitarismus gewichen war, als die fünfzehn Jahre „lebenslänglich“ abgesessen waren. Er mag manchem Vorkämpfer eines „harten“ Strafvollzugs ein willkommener Beweis dafür sein, daß entgegen Volksmeinung der zu lebenslangem Zuchthaus verurteilte Verbrecher damit rechnen könne, nach geraumer Zeit das Licht der Freiheit doch wieder zu erblicken. Dieser Meinung tritt auch die Justiz offiziell entgegen, ohne allerdings sichere Beweise für die Abschreckungskraft dieser Behauptung und Handhabung der Strafe erbringen zu können und ohne den rund 1000 in bundesdeutschen Zuchthäusern sitzenden Lebenslangen das Fünkchen Hoffnung auf dereinstige Entlassung nehmen zu können.

Begnadigt wird bei uns selten. Die Chancen stehen in Niedersachsen beispielsweise etwa 100 zu 3, wollte man die Statistik zu Hilfe ziehen. Aber die Statistik hilft nicht weiter. Es handelt sich um Menschen, die zu Mördern wurden, zu Schwerstverbrechern, aus ganz unterschiedlichen Gründen, in völlig verschiedenen Situationen – eine Summe von Einzelschicksalen.

Immerhin gibt es grundsätzliche Gemeinsamkeiten: Nach Meinung maßgeblicher Kriminologen hat eine Zuchthausstrafe von mehr als zehn bis fünfzehn Jahren überhaupt keinen Sinn in Richtung einer Resozialisierung, da der Gefangene nach diesem Zeitraum seine soziale Orientierungsmöglichkeit verloren habe. Manche europäischen Länder halten sich an solche Erfahrungswerte: In England wurde im Jahre 1933 der letzte zu lebenslänglich Zuchthaus Verurteilte nach zwanzig Jahren Buße begnadigt. Seitdem können englische Schwerverbrecher hoffen, nach etwa neun Jahren trotz Verurteilung zu lebenslanger Straße wieder in die Freiheit zu gelangen.

Aber auch in der Bundesrepublik ist man sich nicht einig. In Bayern sitzt kaum ein Schwerverbrecher länger als fünfundzwanzig Jahre. Adolf Bergeest versuchte von 1949, als er vierundvierzig Jahre hinter Zuchthausmauern gesessen hatte und 63 Jahre alt geworden war, bis 1961 regelmäßig, vom zuständigen Ministerpräsidenten Niedersachsens begnadigt zu werden, ohne Erfolg. Auf Grund von Berichten im „stern“ und im Regionalprogramm des NDR-Fernsehens stellte ein Bremerhavener Bürger vor wenigen Monaten ein letztes Gnadengesuch. Während der Überprüfung durch das niedersächsische Justizministerium starb Bergeest in einem Zimmer für Pflegebedürftige im Celler Zuchthaus, zweiundachtzigjährig. Die Frage der Möglichkeit, ihn bei Verwandten unterzubringen, war bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht geklärt.

Die Gesellschaft hat einen neuen Rekord. Kann sie zufrieden sein?

Detlef Sprickmann