Gespräch mit Hahns Mitarbeiter Professor Fritz Strassmann

Im Alter von 89 Jahren starb in Göttingen Otto Hahn, der Begründer des Atomzeitalters. Kaum eine andere Entdeckung wie seine Kernspaltung des Urans hat die Welt so zum Umdenken genötigt. Auf der hundertsten Versammlung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte in Wiesbaden, im Oktober 1958, sprach Otto Hahn in einem Vortrag von den furchtbaren Konsequenzen, die seine und seiner Mitarbeiter Entdeckung gehabt habe, aber auch den Hoffnungen, die er in die Arbeit der Wissenschaftler für die Zukunft der Menschheit setzt:

„Wie schön wäre es, wenn es nur diese friedliche Verwendung der Atomenergie gäbe! Aber es gab ja auch die Bomben von Hiroshima und Nagasaki. Es gibt die Wasserstoffbombe, und es gibt die Atomraketen, strategische und taktische Atomwaffen

Die Wissenschaftler können nicht verhindern, was mit den Ergebnissen ihrer Forschung geschieht. Aber sie können doch immer wieder versuchen, friedliche Gespräche vor kriegerische Maßnahmen zu stellen. Heute haben wir die Wasserstoffbombe als das drohende Gespenst der explosiven Vereinigung von Wasserstoff und Helium. Aber unsere Sonne zeigt uns ja etwas ganz anderes. Daß unsere Erde noch bewohnbar ist, daß sie nicht längst zu einem toten Steinhaufen erkaltet ist, verdanken wir der in der Sonne seit einigen Millionen Jahren vor sich gehenden geregelten Verschmelzung des Wasserstoffs in Helium, also dem Vorgang, um den sich unsere Wissenschaftler jetzt bemühen. Und unsere Kinder und Enkel – oder ihre Kinder und Enkel – werden den Prozeß gemeistert haben. Dann bringen sie das, was die Sonne uns seit Milliarden Jahren geliefert hat, dann bringen sie die Sonne auf die Erde – wenn man ihnen ein Weiterleben auf der Erde gestattet... Vielleicht ist es dann doch möglich, daß unsere Urenkel oder Enkel bei der 150-Jahrfeier der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte – vielleicht heißt sie dann ‚europäischer Naturforscher und Ärzte‘ – sich treffen können in einer Welt frei von Furcht und erfüllt von den Segnungen der Atome!“

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lese Tat hat der Erforschung der Materie und des Weltalls neue Wege eröffnet und die Verwendung der Energie der Atomkerne dem Menschen in die Hand gegeben. So rühmt eine Gedenktafel im jetzigen Institut für Organische Chemie an der Universität Berlin die Entdeckung der Uranspaltung durch Otto Hahn und Fritz Strassmann im Dezember 1938. Damit begann das Atomzeitalter, das sich der Welt freilich erst offenbarte, als sieben Jahre später die Hahnsche Entdeckung zum erstenmal praktisch ausgenutzt wurde – um das Inferno in Hiroshima zu entfachen.

Strassmann: Diesen Mißbrauch einer wissenschaftlichen Entdeckung haben wir und hat vor allem auch Otto Hahn selbstverständlich zutiefst bedauert. Wiederholt hat Hahn in öffentlichen Vorträgen den Mißbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse gebrandmarkt. Er unterzeichnete als einer der ersten den Appell der „Göttinger achtzehn Atomphysiker“ gegen den Besitz von Atomwaffen in der Bundesrepublik.