Von Ernst Stein

Wie gut waren die guten alten Zeiten? Man nennt sie längst nicht mehr so, aber man fragt es noch. Wir wissen, daß es uns nie besser gegangen ist, es wurde uns oft genug gesagt. Wir wissen, daß wir uns alles erlauben können; was fehlt, kommt noch. Daß es ruhige Zeiten waren, ist nicht wahr; es hat niemals ruhige Zeiten gegeben, nur ruhige Menschen. Daß man sich früher besser unterhielt, liegt an uns und ist vielleicht auch nicht wahr. Vermutlich hat die Vergangenheit größere Künstler, größere Werke hervorgebracht, aber sie sind entweder unzeitgemäß, oder sie lassen sich zeitgemäß interpretieren. Beim Herumbohren am Zahn der Zeit stößt man schließlich auf eine unverwüstliche Wurzel: Es waren witzigere Zeiten.

So gewiß in vierzig Jahren niemand mehr lustig finden wird, worüber man heute lacht, so gewiß läßt sich noch immer des Querschnitts (1921–1936) froh werden, der witzigsten kulturkritischen Zeitschrift, die es bei uns je gegeben hat. Auf den ersten Blick wirkte er aufreizend versnobt, das fanden selbst seine eifrigsten Leser und Mitarbeiter, und vermutlich hielten sie ihm deswegen die Treue. Nirgends wurde so exklusiv gestänkert.

Aber Snobismus ist eine willkürliche Einengung des Horizonts aus Gemütsträgheit, um der Bewegung auszuweichen. Der Querschnitt hingegen verblüfft durch die Vielseitigkeit seines Geschmacks und seiner Verstiegenheiten. Mit herablassender Unverfrorenheit steckte er seine Nase in alles, Literatur, Kunst, Gesellschaft, und redete in alles drein, in einem höchst persönlichen Stil, von vielen Schreibern destilliert, oft unausstehlich, immer unwiderstehlich.

Der Querschnitt war die Gründung eines bekannten Kunsthändlers, des temperamentvollen Alfred Flechtheim, der im Kornhandel gescheitert war und sich zur modernen Kunst eingeschifft hatte, mit sicherem Blick für die Sterne von morgen der Pleite von heute entgegensteuernd. 1921 verwandelte er die immer provozierender abgefaßten Kataloge seiner Ausstellungen in eine Zeitschrift, um regelmäßig für seine Grundsätze und seine Umsätze polemisieren zu können.

Als er drei Jahre später, nach der Inflation, mit seinen Idealen und seinen Geschäften Schiffbruch litt, wurde er von Ullsteins ausgebootet. Sie nahmen die gestrandete Zeitschrift in ihr vornehmes Trockendock, den Propyläen Verlag, und stellten einen Herrn von Wedderkop ans Ruder, der als Herausgeber des Querschnitts sehr bekannt wurde, aber nie als etwas anderes. Wedderkop war weder Berliner noch Schriftsteller, sondern Regierungsassessor in Köln; zwar veröffentlichte er später Reisehandbücher und ein, zwei Romane, aber, er blieb ein literarischer Amateur. Er könnte eine Figur von Carl Sternheim sein: schnoddrig mit leichter Selbstpersiflage; zynisch mit einem Anflug von Gemüt; blasiert mit seigneuralen Allüren, weniger aus Geltungsbedürfnis, als um den Bürger vor den Kopf zu stoßen.

Auf alles Zeitgemäße versessen, suchte er in der Literatur die Lebensnähe, worunter er wahrscheinlich kaum mehr verstand als high life, eingesprengt in die Banausen weit des „gewöhnlichen Bagagi“ (wie es im „Rosenkavalier“ heißt). Fünf von seinen sieben Jahren als Herausgeber waltete er unumschränkt; 1931 verschwand er von der Bildfläche – vermutlich war seine unverhohlene Neigung zur autoritären Herrschaft, sei es in Italien, sei es in der eigenen Redaktion, dem liberalen Geist des Hauses zuviel geworden.