Von Edgar Salin

Es ist merkwürdig, wie schnell angesichts der kurzlebigen Herrschaft einseitiger Wirtschaftspolitik auch die entsprechenden Theorien kommen und vergehen und man unter Umständen nur darum, weil sich die Formen ändern, genötigt ist, nach weniger als einem Jahrzehnt Erkenntnisse zu wiederholen, die damals nicht gern gehört wurden und anscheinend heute wieder einmal erst eingehämmert werden müssen.

Vor sieben Jahren war es nötig, den Neoliberalen – wohin sind sie verschwunden? – die Notwendigkeit der Konzentration vor Augen zu führen und vor allem auseinanderzusetzen, wie sehr ein überzogenes Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen die Konzentration und die damit verbundene Wettbewerbsfähigkeit hindern werde. Man sollte nicht für möglich halten, daß schon jetzt, nachdem die Bundesregierung einen Änderungsentwurf zu dem genannten Gesetz vorlegt, in dem richtigerweise Kooperation und Konzentration im Vordergrund stehen, ein Artikel erscheinen kann und vielerorts Zustimmung findet mit dem Biedermeiertitel Gefährliche Sucht nach Größe und dem Untertitel Konzentration beschränkt die Freiheit im Wirtschaftsleben (Kurt Biedenkopf, FAZ Nr. 154 vom 6. Juli 1968).

Auf die Gefahr hin, daß wieder zunächst einmal ein sachlicher und wissenschaftlicher Gegenstandpunkt angebellt wird als Vertretung von Unternehmungs- oder von Gewerkschaftsinteressen, bleibt nichts übrig, als mit aller Deutlichkeit ein paar Grundelemente der heutigen Wirtschaft und Wirtschaftspolitik wieder ins Gedächtnis zu rufen. Dabei sei vorangeschickt, daß ich persönlich nicht die allergeringste Freude an dem technischen Fortschritt als solchem habe und daß mir noch nie ein Zweifel daran aufgestiegen ist, daß der technische Fortschritt fast überall erkauft ist mit einer seelischen Verarmung und daß infolgedessen mit Sicherheit auch seine Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Aber persönliche Zu- oder Abneigungen haben völlig auszuschalten, wenn es sich um die Analyse einer gegebenen Wirtschafts- und Techniksituation der Welt dreht und um die Politik, die jeder Staat, der kleine wie der große, führen muß, wenn er nicht gewillt ist, in den Kirchhofsfrieden der Geschichte einzugehen.

Dies vorausgeschickt, seien einige unbestreitbare Tatsachen festgestellt:

Das Tempo des technischen Fortschritts gestern und heute wird nicht etwa bestimmt durch Technokraten oder gar durch Professoren der technischen Hochschulen, sondern es wird erzwungen durch die anscheinend unaufhaltsame Bevölkerungsvermehrung der Welt. In dieser Hinsicht haben wir das Erbe eines ganzen Jahrhunderts zu tragen und müssen trachten, auf halbwegs menschenwürdige Weise damit fertig zu werden. Es wird niemand die Leistung von Semmelweis und die Bekämpfung des Kindbettfiebers in ihrer Bedeutung verkleinern wollen; aber was eine außerordentliche, positive Leistung im Rahmen der Hygiene gewesen ist, hat die Möglichkeit der Bevölkerungsexplosion zunächst in den alten Industriestaaten und heute in den sogenannten Entwicklungsländern geschaffen.