Die Furcht, daß die Sowjetunion die Südflanke der NATO umgehen oder bedrohen könnte, ist heute übertrieben. Es ist schwer einzusehen, was die Sowjetunion mit einem solchen Manöver erreichen könnte. Solche Operationen wären bei ihrer gegenwärtigen Stärke und Ausrüstung im Mittelmeer auch kaum glaubwürdig. Dennoch ist nicht auszuschließen, daß sie im Falle einer Krise wichtige Verbindungs- und Versorgungslinien nach Europa unterbrechen könnte. Deshalb ist die Gefahr einer neuen, zweiten Front an der europäischen Südflanke nicht völlig von der Hand zu weisen. Mit ihr hat vor allem die Türkei zu rechnen. Ebenso könnte die Sowjetunion in Krisenzeiten die westlichen Luftverbindungen zwischen der NATO und der CENTO empfindlich stören. Solange britische Streitkräfte in Südostasien und am Persischen Golf stationiert sind, würden auch sie davon betroffen werden.

Die Sowjetunion hat somit durch ihre bloße Präsenz im Mittelmeer eine Reihe strategischer Optionen hinzugewonnen. Sicher aber wird die sowjetische Mittelmeerflotte noch auf lange Frist in mindestens zweierlei Hinsicht äußerst verletzlich bleiben: einmal wegen ihrer Unterlegenheit gegenüber den westlichen Seestreitkräften, zum andern wegen ihrer verwundbaren Nachschubwege.

Die Sechste Flotte, ursprünglich Teil der amerikanischen strategischen Abschreckung und dann schrittweise in ein eindrucksvolles Instrument der amerikanischen Mittelmeerpolitik umgewandelt, ist jederzeit einer Herausforderung durch die sowjetische Flotte gewachsen. Die Sowjetunion besitzt außerdem keinerlei direkte oder indirekte Kontrollgewalt über die beiden für sie wichtigsten Zugänge zum Mittelmeer – die Dardanellen und die Meerenge von Gibraltar. Deren strategische Bedeutung als Nachschubwege wächst im gleichen Maße wie die sowjetische Flotte im Mittelmeer. Um so paradoxer ist der ausgerechnet jetzt geführte Gibraltar-Streit zwischen Großbritannien und Spanien, in dem die Sowjetunion ominöserweise Spanien unterstützt.

An den Dardanellen zeigt sich die Sowjetunion seit Jahren zurückhaltend. Unmittelbar nach Kriegsende hatte sie zwei erfolglose Vorstöße unternommen, um eine Revision der für sie unbefriedigenden Konvention von Montreux von 1936 zu erreichen. Das Interesse an einer Revision der Meerengen-Konvention scheint viel eher in Ankara vorhanden, wo man mit wachsendem Unbehagen den regen Verkehr sowjetischer Kriegsschiffe verfolgt. Aber die Sowjetunion kann nicht einmal einer uneingeschränkten Kontrolle ihrer ureigenen Domäne, des Schwarzen Meeres, völlig sicher sein. Bisher standen ihrer Schwarzmeerflotte die Häfen Bulgariens und Rumäniens jederzeit zur freien Verfügung. Schon heute macht dies die schrittweise Emanzipation Rumäniens von Moskau nicht mehr ohne weiteres selbstverständlich.

Der größte Unsicherheitsfaktor für die Sovjetunion bleibt die künftige Politik ihrer arabischen Verbündeten. Nun hat zwar Moskaus Anwesenheit die von Jugoslawien vorexerzierte Politik der Blockfreiheit weitgehend außer Kraft gesetzt. Die Zeiten der Blockfreiheit und des Neutralismus im Mittelmeerraum sind deswegen aber noch keineswegs vorüber. Sollte der arabisch-israelische Konflikt beigelegt werden, dürfte in manchen heute Moskau-orientierten arabischen Ländern das Bedürfnis nach einem ausgeglichenen Verhältnis zu beiden Weltmächten wieder wachsen. Schon heute ist in Kairo zumindest einiges Unbehagen über die einseitige Abhängigkeit vom Ostblock zu spüren. Kairo sieht vorsichtig eine Annäherung an Washington. Solange aber Israels Nachbarn auf die Sowjetunion angewiesen sind, bleibt ihre Abhängigkeit eine Funktion ihres Konfliktes mit Israel. Das verschafft Moskau einen willkommenen Vorhand für eine militärische Präsenz im östlichen Mittelmeer und seine einflußreiche Stellung in der arabischen Welt.

Eckpfeiler der sowjetischen Nahostpolitik bleibt die Vereinigte Arabische Republik: als Führer der „progressiven“ arabischen Staaten, als Einfallstor zu Afrika und, über den Suezkanal hinaus, zum Indischen Ozean. Ohne Kairos Einverständnis wäre Moskaus ungestörte Einfußnahme auf Afrika nur schwer und sein ungehinderter Zugang zum Kanal überhaupt nicht möglich. Die Sowjetunion hat denn auch ihre starke Stellung dazu verwandt, von Nasser die Erlaubnis zur Benutzung der ägyptischen See- und Flugbasen zu erhalten: für Lufttransporte nach Aden und zur Unterstützung der nigerianischen Zentralregierung.

Seit dem Juni-Krieg ist der Suezkanal geschlossen. Erstaunlicherweise haben sich fast alle interessierten Parteien damit mehr oder weniger abgefunden. Die westeuropäischen Länder entdeckten, wahrscheinlich zu ihrer eigenen Überraschung, daß für sie der Kanal keineswegs mehr so wichtig, geschweige denn lebenswichtig ist wie noch vor zehn Jahren. Mit der denkbaren Ausnahme Englands hat er für sie seine frühere strategische Bedeutung völlig, seine wirtschaftliche weitgehend verloren. Sinkende Transportkosten über lange Distanzen (rund um Afrika), der Bau von neuen Pipelines und immer größeren Tankern werden ihn in Zukunft noch entbehrlicher machen. So sind offenbar auch die arabischen Länder – Ägypten selbstverständlich ausgenommen – und Israel durch seine Schließung kaum ernsthaft betroffen; einige unter ihnen scheinen davon sogar zu profitieren.