Spaltungen gab’s und Prügel: Die kommunistischen „Spiele“ sind den Veranstaltern entglitten

Von Kai Hermann

Sofia, im Juli

Die Jugend von mehr als hundert Ländern lag sich in den Armen. Friedenslieder kamen aus allen Lautsprechern. Eine Idylle zum Riechen, Sehen, Hören und Greifen. Die IX. Weltjugendfestspiele waren eröffnet. Mehr als 15 000 junge Menschen aus allen Erdteilen hatten sich in Sofia versammelt, um „Solidarität, Friede und Freundschaft“ zu bekunden.

Und dann hallte es – am kommenden Tag – wie Donnerschall über die Prachtstraße der Hauptstadt, den Boulevard Ruski: „Druschba, Druschba“ – Freundschaft, Freundschaft. Man traf sich unweit der amerikanischen Botschaft. Studenten aus der Bundesrepublik saßen schon auf dem Pflaster, Protest gegen die USA demonstrierend. „Vietnam – Vietnam“ skandierten Bulgaren und Deutsche gemeinsam. Kräftige Arbeiterhände umfaßten Studenten – etwas zu hart für eine brüderliche Umarmung. Arbeiterfüße traten zu – im Takt des Druschba-Druschba. Die Studenten umklammerten sich, wie sie es gegen die deutsche Polizei geübt hatten. Doch dann waren auch deutsche Arbeiterkinder auf der Szene, den „Intelligenzlern einmal die Schnauze zu polieren“. Geheimpolizei gab sich zu erkennen. Die Rangelei wurde unübersichtlich.

Was vor der amerikanischen Botschaft unter dem Imperativ Solidarität, Friede, Freundschaft am „Tag der Solidarität mit dem heroischen Kampf des vietnamesischen Volkes gegen die imperialistische US-Aggression“ geschah, war für Nichteingeweihte ein wenig verwirrend. So verwirrend wie das IX. und wohl letzte Festival dieser Art überhaupt.

Politische Massengymnastik