München

Nach den wohlgesetzten Worten des Oberbürgermeisters Vogel verhielt es sich so: „Stadtplanung und Stadtentwicklung haben lange Zeit im Bewußtsein der Öffentlichkeit keine zentrale Rolle gespielt. In dieser Hinsicht scheint sich erfreulicherweise ein Wandel anzubahnen.“

Viele Jahre lang wurde von den Bürgern Münchens bestenfalls unartikuliert bekrittelt, was die kommunale Bau-Administration niet- und nagelfest und unwiderruflich präsentierte – bis es eidlich zum großen Krach kam. Die Kritiker sammelten sich und zeigten den etablierten Städtebauern die Zähne und modernere Wege.

Knapp 18 Monate später hat nun die bayrische Landeshauptstadt eine Einrichtung, die selbst skeptische Fachleute „etwas völlig Neues in Europa“ nennen, einen Meilenstein zur Demokratisierung von baupolitischen Planungsentscheidungen. Das in der vergangenen Woche aus der Taufe gehobene Wunderkind hat den Namen Münchner Diskussionsforum für Entwicklungsfragen, kurz Münchner Forum genannt.

Um die feierliche Stunde im Kammersaal der Industrie- und Handelskammer nicht zu belasten, wurde in letzter Minute darauf verzichtet, auf die Keimzelle des „Münchner Forums“ zurückzublicken. Sie ist runde drei Jahre alt. Damals, 1965, konkretisierte sich das „Unbehagen an der geplanten Umwelt“ unter den Architekturstudenten der Technischen Hochschule München in einer öffentlichen Vortragsreihe. Diese studentische Initiative war Ausgangspunkt für die Gründung eines „Münchner Bauforums“, das sich fortan gegen die Verwaltungsplanung querlegte und den Höhepunkt seines engagierten und die Bürgerschaft aufrüttelnden Protests in der Prinz-Carl-Palais-Affäre erreichte. Diese klassizistische Villa in der Achse der Prinzregentenstraße sollte im Zuge des Altstadtrings kurzerhand untertunnelt und von Straßenzügen umgeben werden. Die Protestanten erreichten zwar nur, daß die Stadt ihren Beschluß modifizierte und den baulichen Eingriff milderte; sie erdreisteten sich darüber hinaus zu der Feststellung, daß durch den Münchner Stadtentwicklungsplan von 1963 die Situation planmäßig verschlechtert werde („Das Ding gehört in den Papierkorb“). Aber sie erreichten, daß „allen Beteiligten klar wurde, wie dringend die offizielle Planung auf Ideen und Anregungen angewiesen ist, die aus den Kreisen privater Fachleute kommen“ („Süddeutsche Zeitung“).

Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, geschickter Paktierer und gegen frischen Wind nicht zugeknöpft, trat forsch die Flucht nach vorn an, und daraufhin ging alles erstaunlich rasch. Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer, die beiden großen Münchner Tageszeitungsverlage, die Architekten- und Ingenieurverbände, das, „widerspenstige Bauforum“, Professoren für Städtebau, Landesplanung, Verkehrsplanung, Volkswirtschaft, Wirtschaftsgeographie und sozialwissenschaftliche Forschung, die Gewerschaften und die Stadt München selbst fanden sich zusammen und gründeten einen Verein – eben das „Münchner Forum“. Paragraph 2 seiner Satzung: „Zweck des Vereins ist die Förderung von Ideen und Kenntnissen auf allen wissenschaftlichen Gebieten, die für die städtebauliche Entwicklung Münchens und der Region von Bedeutung sind, insbesondere Schaffung einer Dokumentation als Grundlage für die Diskussion und zur Erweiterung der Informationsmöglichkeiten.“

Das will das „Münchner Forum“ erreichen durch kritische Gegenüberstellung und Diskussion von Erkenntnissen, Erfahrungen und Meinungen, die für die künftige Entwicklung Münchens und der Region von Bedeutung sind; man will die Bürgerschaft zum Mitdenken und nach Möglichkeit zu aktiver Mitarbeit herausfordern; man will zu konkreten Planungen Stellung nehmen und Planungen unter die Lupe nehmen.