Ich hatte als Jüngling ein Vormerkbuch oder Tagebuch geführt, bis ich bemerkte, daß meine Mutter es heimlich las – der ungehörigen Dinge wegen; diese zu kennen, habe eine Mutter das Recht, so sagte sie mit ihrem reizenden, verlegenen Lachen, als ich sie zur Rede stellte. Ihre Mitwisserschaft hat mir nicht geholfen und ihr nicht geholfen.

Als ich mich mit Stefanie verlobte (das muß 1917 oder 1918 gewesen sein), vernichtete ich dieses Dokument meiner frühen Verruchtheiten; es war eine Opfergabe auf dem Altar der Zukunft, nun fing ja das reine Leben an.

1920 heirateten wir, 1921 brach ich das reine Leben zum erstenmal. Doch war derlei nicht der Inhalt des zweiten Tagebuchs, das ich damals begann – woher denn, auch Stefanie las ja doch meine Notizen, auch sie hatte diesbezüglich ein Recht oder eine Pflicht, welches von beiden, hab’ ich vergessen.

So war dieses zweite Tagebuch, Heft um Heft, bloß meiner literarischen Laufbahn gewidmet: „Werknotizen“, und auch wie ich das betreffende Werk den Verlagen und Schriftleitungen und Theaterkanzleien schickte, schrieb ich dort auf, und die rasch und lückenlos eintreffenden Ablehnungsbriefe klebte ich dazu noch in dieses Tagebuch.

Es sollte ein Kultur-Kuriosum, ein Pranger sein: War ich nächstens, übermorgen, entdeckt und weltberühmt, so blieb für die von mir vor der Literaturgeschichte bloßgestellten Banausen eigentlich nur noch der Selbstmord aus tiefer Schim.

Auch dieses hochwichtige literarische Dokument blieb nicht erhalten. Es wanderte in eine Kiste, mit allerlei anderen Manuskripten und ähnlichem, die Kiste sollte hinter mir her nach England reisen, bis sie dann nicht vom Spediteur geholt wurde, sondern von der Gestapo.

Doch war mein Interesse an diesem zweiten verlorenen Tagebuch damals nur mehr ein historisches. Denn inzwischen hatte ich schon ein drittes begonnen, mit auswechselbaren Blättern, und diese Auswechselbarkeit demoralisierte mich. Ich schrieb weiterhin nichts Privates auf, nur mehr literarisch Verwertbares, Einfälle, Abfälle, Wichtiges, Nichtiges, wahllos, wie der Tag es mir zutrug. Es blieb bei diesem nie ausgewechselten, immer nur Blatt um Blatt erweiterten Material, Kleinstnotizen, komprimiert, entpersönlicht, dehydriertes Fleisch – und es ist dieses dritte Vormerkbuch mit tausend Notizen, das ich nun schon seit Jahrzehnten nach Tauglichem durchkämme, so oft es an eine neue Arbeit geht.