Von Joachim Schwelien

Washington, im Juli

Noch immer stürmt Nelson Rockefeller durch Amerika, begeistert große Menschenmengen und stellt sich den Wählern in Großanzeigen der Zeitungen und Werbesendungen im Fernsehen vor. Sein Ziel: Noch vor dem Parteitag der Republikaner, der am Montag in Miami Beach beginnt, will er nachweisen, daß er der wahre Liebling des Volkes sei und daß er allein im November die „grand old party“ zum Sieg führen könne. Er will die Delegierten, die das letzte Wort bei der Nominierung des Präsidentschaftskandidaten haben, mit den Umfragen der Meinungsforscher beeindrucken. Denn aus ihnen ging hervor, daß „Rocky“ die größere Chance hat, den Gegenspieler der Demokraten zu schlagen, als Richard Nixon. Allerneueste Ergebnisse freilich geben ein anderes Bild.

Nach langem Schwanken hat der New Yorker Gouverneur in den vergangenen Wochen aufgedreht und die Maschine seines Propagandaapparates und seines Expertenstabes auf vollen Touren laufen lassen, um den Vorsprung seines Parteirivalen Nixon zu verringern. Er hat seinen Charme an allen Straßenecken wirken lassen, und er will sich am Sonntag, einen Tag vor Beginn des Parteitages, eine volle Stunde lang dem gefürchteten Forum „Meet the Press“ im Fernsehen stellen.

In Reden und Aufsätzen hat Rockefeller präzise Vorschläge zu allen brennenden Angelegenheiten der Nation – von der Beendigung des Krieges in Vietnam bis zur Gesundung der Slums in den amerikanischen Großstädten – vorgelegt. Mit einem Schuß bei ihm leicht großväterlich wirkenden Kennedy-Elans trat er als Verfechter einer „neuen Politik“ in der Republikanischen Partei auf. Der „alten Garde“ Nixons begegnete er als Matador des liberalen Flügels, der die Zeichen der Zeit begriffen habe und der trotz seiner sechzig Jahre die junge Generation mitzureißen verstehe. Aber – seine Aussichten, Nixon aus dem Feld zu schlagen, sind denkbar gering. Wenn auch Rockefeller die Wähler zu begeistern vermag, so hat doch Richard Nixon schon lange vorher die Delegierten des Parteitages überzeugt; sie und nicht die Wähler küren den offiziellen Präsidentschaftskandidaten der Partei.

Nixon entfachte zwar keine Popularitätswelle, er stürmte nicht mit wehender Fahne zum Gipfel, er bespöttelte Rockefellers Sanierungsprogramm für die Städte als ein Wolkenkuckucksheim-Versprechen; über Vietnam schwieg er sich nachdrücklich aus, um jeder Festlegung zu entgehen. Aber er zählt beim Parteifußvolk als solider und gediegener Buchhalter, als ein sachkundiger Steuerprüfer jener Fehler, die der demokratischen Administration Johnson-Humphrey von der Opposition vorgehalten werden.

Richard Nixon ist der Mann der Parteimitte mit einem leichten Rechtsdrall. Er beruft sich auf seine Erfahrungen als Vizepräsident unter Eisenhower und könnte den Slogan „keine Experimente“ auf sein Banner geschrieben haben. Und eben das entspricht der Haltung des vorwiegend mittelbürgerlichen Wählerstammes der Republikaner, die die Unruhen in den Negergettos und die Studentendemonstrationen satt haben. Ihr Lieblingskind ist Richard Nixon, der mit 3:1 vor Rockefeller in der Gunst der Parteifunktionäre führt.