Notizen aus dem Prozeß gegen Klaus Lehnert

Von Uwe Nettelbeck

Vielleicht wird der inzwischen siebenundzwanzigjährige Klaus Lehnert, dessen Vater ein in Wiesbaden angesehener Arzt war, doch noch der gegen ihn erhobenen Anklage entsprechend wegen Mordes verurteilt werden.

Klaus Lehnert ist der Mann, der am 13. Februar 1964 im Keller eines Hauses an der Wiesbadener Wilhelmstraße den siebenjährigen Timo Rinnelt tötete und über drei Jahre lang die auf ihn angesetzte, sonderbar unfähige Sonderkommission der Wiesbadener Kriminalpolizei narrte.

Aber es wäre dies dann ein Urteil, das sich auf eine zu freie Beweisführung stützen müßte; denn während der fünf Tage, an denen das Schwurgericht des Landgerichts Wiesbaden unter dem Vorsitz des Amtsgerichtsrates Werner Hartmann die Mordanklage gegen Klaus Lehnert bisher verhandelte, die Beweise gegen Klaus Lehnert prüfte und die Sachverständigen hörte, stellten sich sichere Indizien für das Vorliegen einer strafbaren Handlung im Sinne des Mordparagraphen nicht ein.

Die ihn jagten, haben ihn zu spät gefangen. Als Klaus Lehnert verhaftet wurde, gab es keine Indizien mehr sicherzustellen, die ihn gegen sein Einverständnis eines Mordes hätten überführen können. Vielleicht gab es solche Indizien in den Wochen nach der Tat; vielleicht hätte Klaus Lehnert damals eher die Wahrheit gesagt als heute. Aber wenn er heute lügt, so wahrt er damit nur sein Recht zu verschweigen, was ihn belastet; doch wahrscheinlich spricht er die halbe Wahrheit aus, die ihm in den Jahren zur ganzen geworden ist.

Klaus Lehnert hielt während der fünf Verhandlungstage an seiner schon unmittelbar nach der Verhaftung von der Polizei protokollierten Aussage fest, daß er nicht wisse, wie es geschehen sei. Weil er es wahrscheinlich wirklich nicht weiß, sagt er, er könne sich nicht an die Augenblicke im Keller erinnern.