Von Hellmuth Karasek

Noch in diesem Sommer erlebte eine Tourneetruppe des Piccolo Teatro auf Festspielen und in Großstädten unbeschreibliche Triumphe: Giorgio Strehlers Musterinszenierung des „Dieners zweier Herren“, die souveräne Wiedereinführung des einstens von der Bühne verbannten Arlecchino, das Theater einer zum sensibelsten Ausdruck gesteigerten Artistik ließ begeisterte Zuschauer, die ja meist noch nicht einmal die Sprache der Aufführungen verstanden, nach jenem Theaterort seufzen, den Oscar Fritz Schuh einmal etwas emphatisch das „Mekka der Theaterkunst“ genannt hatte.

Aber Arlecchino war bei der letzten Tournee, was die Theaterleitung betrifft, eigentlich schon nicht mehr der Diener zweier Herren. Und das Piccolo Teatro, das man neidvoll mit hiesigen Theatern verglich, erscheint nun plötzlich als eine Bühne, auf der sich jahrelang Resignation gestaut haben muß.

Strehler und Paolo Grassi, die das Theater vor einundzwanzig Jahren gemeinsam gründeten, haben sich getrennt. Genauer: Strehler hat die künstlerische Leitung aus der Hand gegeben. Seine Erklärung: „Ich verlasse das Piccolo Teatro, um mich noch besser, noch mehr oder noch gegenwärtiger dem Theater zu widmen.“ Dazu Grassis Kommentar: „Ich bin konkreter als Giorgio, er ist mehr Künstler, ich kann 21 Jahre Arbeit nicht einfach weggeben.“ Und über die Zukunft des Theaters befragt: „Wenn das Piccolo Teatro das bleibt, was es ist, besteht die Möglichkeit, daß Strehler in zwei Jahren zurückkommt, auch wenn die gesellschaftliche Situation im Augenblick so ist, daß sie es ihm unmöglich macht, hier zu arbeiten.“

So überraschend Strehlers Abschied von der Bühne erscheint, deren Weltruhm an seine künstlerischen Fähigkeiten und an Grassis zähe, geduldige verwaltungstechnische und politische Tätigkeit gebunden war – Strehler hat in den letzten Jahren immer wieder davon gesprochen, daß er sich vom Piccolo Teatro trennen wolle. Vielleicht so oft, daß man nun, da er seine Ankündigung in die Tat umsetzt, um so mehr überrascht sein konnte.

Merkwürdigerweise hat Strehler die Gründe, von denen man annehmen mußte, daß sie ihm das Leben in Mailand verleideten, ausdrücklich als nicht maßgebend für seinen Entschluß bezeichnet.

Zum Beispiel die räumlichen Verhältnisse. Als Strehler und Grassi am 14. Mai 1947 das Piccolo Teatro gründeten – übrigens mit einer Strehler-Inszenierung von Gorkis „Nachtasyl“, was eine merkwürdige Parallele zu Max Reinhardts Berliner Anfang mit dem gleichen Stück darstellt und anzeigt, wieviel das italienische Theater nachzuholen hatte, als Strehler anfing, während sein Theater umgekehrt später zur Lernstätte und Musterschule für das übrige Theater Europas wurde – fand die Eröffnung in einem nur unvollkommen umgebauten Kinosaal in der Via Rovello statt. Bis 1964 spielte das Piccolo Teatro ausschließlich in diesem Theater mit rund 700 Plätzen, dessen Einrichtung so primitiv ist, daß es bis heute zum Beispiel kein fließendes warmes Wasser in den Garderoben gibt. Dennoch hat Strehler in diesem Haus allein in den ersten zwölf Jahren über hundert eigene Inszenierungen herausgebracht.