Von Hansjakob Stehle

Immer schon hatten es die Kommunisten am schwersten mit sich selbst – wie alle Jünger von Lehren, welche die Welt nicht nur deuten, sondern verändern wollen. Denn die Doktrin, mit der man Wandlungen erzeugen will, wird ja durch die neuen Wirklichkeiten selbst verwandelt. Darum schwanken die mächtigen Sowjetführer heute im eigenen Lager zwischen dem Schein militärischen Drucks und grollender Verhandlungsbereitschaft, darum setzen sie sich an den Tisch mit ihren tschechoslowakischen Genossen, denen sie nicht mehr wirklich vertrauen, während ein in der Sowjetunion aufgewachsener, gläubiger Kommunist wie Alexander Dubček versucht, „die Befürchtungen unserer Freunde zu zerstreuen“.

Was steckt hinter diesen sowjetischen Befürchtungen? Ist es nur die Angst vor einem – kaum denkbaren – Ausbruch Prags aus dem Sicherheitsgürtel, den die Sowjetunion nach dem Sieg von 1945 vor ihre Grenzen gelegt hat? Oder ist es mehr die Verlegenheit angesichts eines Reformversuchs, der die ideologischen Grundlagen dessen anzutasten scheint, was sie den „proletarischen Internationalismus“ nennen? Ganz offenkundig wirken beide Bedenken so stark auf die Gemüter der Sowjetführung, daß es ihr – in einer Art von Betriebsblindheit – immer schwerer wird, das zu tun, was für Kommunisten stets oberstes Gebot war: die Lage richtig einzuschätzen. Dazu war das marxistische Rüstzeug als Methode zwar nicht so unfehlbar, wie die Marxisten meinten, aber doch lange Zeit tauglich genug, um gröbste Irrtümer zu vermeiden.

Lenin hat damit die Oktoberrevolution zu „seiner“ Revolution gemacht. Doch der Aufstieg der Sowjetunion vom isolierten Rätestaat zur zweiten Weltmacht unter Stalin-Chruschtschow-Breschnew, der Schritt vom „Aufbau des Sozialismus in einem Lande“ zu jenem „sozialistischen Weltsystem“, das heute von Peking bis Prag Kraftzentren und Spannungsfelder bildet – all das hat zurückgewirkt auf die Ideologie. Es hat ihre Verfechter vor die Wahl gestellt, ihre Linie entweder elastischer zu machen oder aber zu riskieren, daß sie immer zerbrechlicher wird.

Die sowjetische Führung, die das Erbe Stalins – sein Imperium und sein Odium – zu tragen hat, versucht seit fünfzehn Jahren dieser Alternative auszuweichen, zwischen den beiden Möglichkeiten zu lavieren, die Entscheidung zu vermeiden.

Sie hat damit ihr Bündnissystem in Osteuropa lange Zeit scheinbar konsolidieren können, während ihr gleichzeitig die Führungsrolle bei den Linksrevolutionären in aller Welt, von Kuba bis China, entglitt. Alle Beschwörungen des „proletarischen Internationalismus“, alle kommunistischen Teil- und Weltkonferenzen konnten in dieser Zeit nicht den fatalen Widerspruch überbrücken, der zwischen den nationalen Interessen der russischen Kontinentalmacht, dem nationalen Selbstgefühl ihrer Verbündeten und den Ansprüchen einer übernationalen kommunistischen Solidarität aufklaffte.

Vor zwanzig Jahren ließ Stalin das Kominform kurzerhand den Bannstrahl gegen das aufsässige Jugoslawien schleudern; das Sündenregister, das die Kominform-Resolution vom Juni 1948 Tito vorrechnete, gleicht in manchem den Vorwürfen, die man heute wieder gegen Prag erhebt. Der Kominform-Beschluß vom November 1949, der dann die „Spionagegruppe Tito-Rankovic“ sogar „auszumerzen“ ankündigte, führte aber nicht zur militärischen Intervention. Dies geschah 1956 in Ungarn, nur ein Jahr nach der sowjetisch-jugoslawischen Versöhnungs-Deklaration vom 2. Juni 1955, in der man sich zubilligte: