Von Erwin Topt

Am 2. August 1868 wurde Theodor Wolff – T.W., wie er nach dem Signum seiner Artikel im BT, im „Berliner Tageblatt“, allgemein genannt wurde – in Berlin geboren. Sein Geburtshaus stand am Dönhoffplatz, halbwegs zwischen dem Konfektions- und dem Zeitungsviertel. Und damit nur knappe fünf Minuten entfernt von jenem Eckhaus an der Jerusalemer Straße, wo Ende 1871 sein Onkel Rudolf Mosse das BT gründete und so die Anfänge eines der großen Presse-Imperien Berlins schuf. Theodor Wolff hat entscheidend dazu beigetragen, daß dieses Berliner Blatt, dessen Chefredakteur er bereits Ende 1906 geworden war, sich mit großem Stolz und mit einiger Berechtigung den Slogan „das deutsche Weltblatt“ beilegen konnte ...

Als Zwanzigjähriger – im „Dreikaiserjahr“ 1888 – war der junge T. W. in die Redaktion des BT eingetreten. Zunächst schrieb er, mehr Reise- als Auslandskorrespondent, feuilletonistische Berichte aus den Hauptstädten Europas; Vorbild für Stil und Betrachtungsweise war der von ihm bewunderte und verehrte Theodor Fontane. Die Hinwendung zur Politik geschah erst, nachdem er (1894) der Frankreich-Korrespondent seines Blattes geworden war.

In die zwölf Jahre seines Pariser Aufenthaltes fällt die Dreyfus-Affäre, über die er in einer bis dahin für die deutsche Presse beispiellosen Intensität und Ausführlichkeit – das gilt namentlich für seine Reportagen aus dem Gerichtssaal – zu berichten verstand. Damit hatte er sich, knapp vierzig Jahre alt, für die Nachfolgeschaft des gegen Ende 1906 verstorbenen BT-Chefredakteurs Dr. Arthur Levisohn qualifiziert.

Die große, die klassische, „heroische“ Zeit der liberalen Opposition – und damit jener Zeitung, die als Wortführerin der bürgerlichen Linken wirkte – war die „wilhelminische Ära“. Das gilt zumal für ihre zweite Hälfte, für welche jenes Kaiser-Wort von den „herrlichen Zeiten“ – samt der weitgehenden Zustimmung, die es fand – bezeichnend ist. Welch eine Zeit für die Kassandras... besonders für jene, die in subtiler Beobachtung die zunehmenden „europäischen Verwicklungen“ durchaus richtig zu deuten und eindringlich darzustellen verstanden!

In einem Buch, das, 1934 erschienen, der deutschen Öffentlichkeit ganz und gar vorenthalten geblieben ist, ist Theodor Wolff noch einmal den Wegen nachgegangen, die zum Verhängnis von 1914 geführt haben. Das Buch, das von Fachhistorikern geschätzt wird, trägt den Titel „Der Krieg des Pontius Pilatus“.

Es ist in Nizza geschrieben worden, das T. W.s Asyl war, nachdem er Berlin am 7. März 1933, dem Tag nach dem Reichstagsbrand, verlassen hatte. Die Zeit der Emigration dauerte zehn Jahre. Danach (1943) wurde er in Nizza durch die italienischen „Besatzer“ Südfrankreichs festgesetzt und an die Gestapo ausgeliefert, die ihn durch deutsche Gefängnisse und Kon-