Als sowjetische Abwehroffiziere am 2. Mai im Garten der Reichskanzlei nach Spuren suchten, war den höchsten sowjetischen Kommandobehörden Hitlers Tod schon bekannt. Den offiziellen deutschen Beweis lieferte ein Brief, den Goebbels und Bormann an Stalin geschrieben hatten.

Ich persönlich hielt diesen Brief in meiner Hand, als ich am 1. Mai im Morgengrauen zum Marschall der Sowjetunion, Georgij Konstantinowitsch Shukow, bestellt wurde. Der Stab der Front lag in Straußberg, einem Vorort von Berlin. Wir Stabsoffiziere schliefen in den Wohnhäusern, aber trotzdem hatte die Stabskommandantur sicherheitshalber tiefe bequeme Bunker ausgraben lassen, in denen der Befehlsstand eingerichtet wurde. Nachdem ich mich zur Stelle gemeldet hatte, überreichte mir der Stabschef der 1. Weißrussischen Front, Generaloberst Michail Sergejewitsch Malinin, ein paar Bogen Papier, auf denen ich ungewöhnlich große Buchstaben erblickte. Wir erfuhren später, daß es die Typenabdrucke der berühmten „Führer“-Schreibmaschine waren.

Ich übersetzte den Brief sofort aus dem Deutschen ins Russische. Marschall Shukow, der neben einer großen Karte saß, hörte aufmerksam zu, fragte aber manchmal nach, wenn ihm etwas zweifelhaft zu sein schien, wie zum Beispiel der Satz, in dem die Verfasser des Briefes Stalin als „erstem unter den Nichtdeutschen“ Hitlers Tod mitteilten. Der Inhalt des Briefes wurde Satz für Satz per Telephon nach Moskau weitergegeben.

Offiziere des Frontstabes erzählten mir, daß der Brief nachts vom kommissarischen Chef des deutschen Generalstabes, General Krebs, persönlich dem Oberbefehlshaber der 8. Gardearmee, Generaloberst Wassilij Tschuikow, überbracht worden sei, der ihn weiterleiten sollte. Aus seinen mündlichen Erläuterungen gegenüber Tschuikow und dem Stellvertreter Shukows, Armeegeneral Wassilij Danilowitsch Sokolowski, ließ sich folgern, daß Hitler Selbstmord begangen hatte.

Ich möchte nicht behaupten, daß jene, die bei Tagesanbruch des 1. Mai 1945 den Brief von Goebbels und Bormann gelesen haben, die geschilderten Ereignisse völlig für wahr gehalten haben. Deswegen habe ich auch große Zweifel, ob die Nachricht von diesem Brief überhaupt die 3. Stoßarmee erreichte, deren Offiziere zu dieser Zeit bereits den Befehl hatten, das Gelände der Reichskanzlei abzusuchen.

Geleitet wurde das Unternehmen von Oberstleutnant Iwan Issajewitsch Klimenko, dem Chef der Abwehrabteilung des 79. Schützenkorps. Er berichtet: „Als das 79. Schützenkorps den Reichstag erobert hatte, kam meine Abteilung im Gebäude des Gefängnisses Plötzensee unter; dorthin wurden die im Bereich des Reichstages und der Reichskanzlei gefangengenommenen Wehrmachtsangehörigen gebracht. Einige von ihnen gaben an, sie hätten vom Selbstmord Hitlers und Goebbels in der Reichskanzlei gehört. Am 2. Mai nachmittags habe ich mich mit vier dieser Zeugen in die Reichskanzlei begeben.

Wir gingen in den Garten und gelangten vor den Notausgang des Führerbunkers. Kaum näherten wir uns diesem Ausgang, da schrie einer der Deutschen laut auf: ‚Das ist die Leiche von Goebbels! Da ist die Leiche seiner Frau!‘ Da wir keine Bahre bei uns hatten, legten wir die Leichen auf eine abgerissene Tür, bugsierten sie in den Lastwagen hinein und kehrten zurück nach Plötzensee.