Dem Doping geht man in Mexico City bei den Olympischen Spielen energisch zu Leibe. Alle Endkampfteilnehmer müssen sich einer Urin-Dopingkontrolle unterziehen. Aber gelöst ist damit das ganze Problem noch nicht. Gewiß, jene Sünder, die vor dem Wettkampf ihre Mittelchen einnehmen, wird man erwischen, oder, was noch besser ist, man wird sie abschrecken, überhaupt zu einer Droge zu greifen.

Aber jene, die während der Trainingszeit die in Mode gekommene Wunderkraftpille „Dianabol“ einnehmen und damit ihre Muskeln schwellen lassen, werden vorerst jede Kontrolle passieren.

Was ist Dianabol, und wie wirkt es? Es gehört zu den Anabolica und ist ein synthetisches, männliches Sexualhormon, bei dem vor allem die wachstumsfördernde Komponente auf die Skelettmuskulatur wirksam wird, während der spezielle Sexualeffektzurücktritt. Die männliche Muskulatur ist ja dank der Wirkung der natürlichen Sexualhormone um 50 Prozent trainierbarer als jene der Frau.

Als Arzneimittel wird das Mittel bei Magersucht, Schwäche und Erschöpfungszuständen, bei alten Menschen sowohl als auch bei unterentwickelten Kindern gegeben.

Aus der Klinik in die sportliche Arena haben das Medikament zuerst die Amerikaner transponiert. In Europa, auch in Deutschland, fand es dann auch Liebhaber bei einigen Athleten. Französische Journalisten vom France Soir haben dem Deutschen Birlenbach, der jetzt die Kugel über 20 Meter und damit Europarekord stieß, vorgeworfen, daß er den Rekord dem Dianabol verdanke, was von dem Zwei-Meter-Riesen (mit 120 kg Gewicht) energisch bestritten wird.

Dr. Danz, Vorsitzender des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, verteidigt eine Zufuhr solcher Präparate, die ja dem Eiweißanbau dienten. Professor Dr. Steinbach, früher Acht-Meter-Springer, ist freilich, wie uns scheinen will, mit Recht anderer Ansicht. Er hält sie für Doping.

Die Flut hervorragender Leistungen bei Stoßern und Werfern, besonders im Diskuswurf (in der DDR kamen schon drei Werfer über 60 Meter), könnte auf Dianaboleinnahme zurückzuführen sein. Da das Mittel nach den herkömmlichen Dopingdefinitionen, die geändert werden müßten, eher zu den erlaubten Stärkungsmitteln zu zählen ist, gaben einige Weltklasse-Athleten auch ungeniert zu, daß sie mit Dianabol ihre Muskeln schwellen ließen. Hierzu ist aber täglich noch eine hohe Eiweißzufuhr vornehmlich in Gestalt mehrerer Steaks notwendig. Die geäußerte Annahme, daß Dianabol Eiweißkalorien einspare, ist irrig.