Mittwoch, 24. Juli, 1. Programm: „Die Oberschüler“

Ich dachte an die Notstandsdiskussion in einem Gymnasium unserer Stadt, bei der eine Reihe von Oberprimanern präziser und kenntnisreicher argumentierten als mancher Vorderbänkler in Bonn. Ich erinnerte mich eines Gesprächs zwischen Lehrern und Schülern, in dessen Verlauf man, so sachlich wie grimmig, jene Erlasse des Oberschulamts analysierte, die Lehrende und Lernende zu Objekten herrscherlicher Verlautbarungen machen: Der Lehrer hat dafür Sorge zu tragen, die Schüler sind angewiesen, dem Hausmeister ist zu bedeuten.

An eine kluge Minorität von pointiert, freimütig und republikanisch argumentierenden Schülern denkend (an jenen Sekundaner zum Beispiel, der, nach seinem Idealbild befragt, vor Jahresfrist schrieb: „Eine Mischung aus Dürrenmatt, Dutschke und Augstein“), sah ich der Sendung Eberhard Leubes über die Rebellion der Oberschüler mit einiger Spannung entgegen – aber was dann kam, nahm sich wie der Versuch eines Oberstudienrats aus Weiden oder Riedlingen aus, der im Kreis seiner Christdemokraten als fortschrittlich und im Borromäus-Verein als linksliberal gilt.

Schüler debattierten mit Schülern, schwadronierende Linke mit schwadronierenden Rechten, die Eltern schwammen im Gespräch, die Kinder schwammen auch, Jugendliche radebrechten drauflos... vielleicht, weil es dem Verfasser darauf ankam zu zeigen, daß diese Menschen (wie es im Vorspruch so verräterisch hieß) unreif sind und der Lenkung bedürfen. Angenommen, das wäre die Absicht gewesen, sähe sich wieder einmal das alte Gesetz der Ästhetik bestätigt, daß man Kitsch nicht auf kitschige Weise, Sentimentalität nicht sentimental, das Bramarbasieren nicht mit Hilfe von papierenen Rodomontanden darstellen kann, die sich peinlich und gestellt ausnehmen. Entweder Kunstdialoge oder ungeschnittene Gespräche vor verdeckten Kameras, aber keine Halbdokumentationen, keine Darbietung, die, statt der lebendigen Rede, nur das produziert, was Illustriertenautoren sich unter Natürlichkeit vorstellen.

Die Typen und die Gegentypen vor die Kamera geholt, Lampen- und Linsen-Gespräche inauguriert, und dann, wenn der Jungrebell auf Ho Tschi-minh und das Mägdelein im Freibad auf die katholische Morallehre kommt... dann irgendwo ein geschnippeltes Szenchen zum Besten gegeben: das ist zu wenig, das stellt die Wahrheit nicht dar, das beleidigt nicht nur den Dürrenmatt-Dutschke-Augstein-Adepten, sondern ich bin sicher, daß es Tausende von Lehrern gibt (zwei zornerfüllte Pädagogen saßen neben mir), die eine große Phalanx von Schülern aufstellen könnten, denen bessere Argumente gegeben sind als Eberhard Leubes verkrampften Kamera-Rednern – diesen auf einem imaginären Photographen-Eisbärfell postierten Rednern (ganz natürlich, bitte, junger Freund, vergessen Sie uns, wir sind gar nicht im Raum, geben Sie sich bitte ganz ungeniert), die sich unter der Ägide eines Ertel oder Brodmann, dessen darf man gewiß sein, freier, sachbezogener und humaner präsentiert haben würden. Momos

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Ich bin der Auffassung, daß Momos die Sendung zu freundlich besprochen und das eigentlich Problematische gar nicht erwähnt hat. Die revolutionären Schüler wurden fast ausschließlich durch langhaarige, ungepflegte, rauchende, beringte „Typen“ vertreten, die bestehende Ordnung hingegen präsentierte sich vor allem in Gestalt eines wohlgekleideten jungen Mannes, der ein Offizier auf einem Werbeplakat der Bundeswehr hätte sein können. Man hatte sich vorgenommen, die zehn Prozent engagierte Schüler zu zeigen. Nach meiner Meinung aber zeigte man von ihnen nur jenes Viertel, an dem die meisten Zuschauer Anstoß nehmen. (Kleider machen Leute, wird mancher sagen, wer so ausschaut wie diese Figuren, kann keine gute Sache vertreten.)