Die V-Märkte der Ratio-Gruppe – der erste wurde 1963 in Münster eröffnet – waren die Vorläufer jener rund 200 Verbrauchermärkte, die heute mit warenhausähnlichem Sortiment und ebenerdigen Riesen-Verkaufsflächen zu Konkurrenz-Buhmänner für Einzelhändler geworden sind.

Aber der eigentliche „Knüller“ der Ratio-Eigner Terfloth & Snoek war die Sache mit den Kaufkarten. Wo immer Ratio-Märkte eröffnet wurden, handelte es sich um Zwillinge: um einen Lebensmittel-Großmarkt, der nur für Einzelhändler da war, und um einen Verbrauchermarkt, der nur Nichtlebensmittel an Letztverbraucher verkaufte. Diese mußten jedoch eine Kaufkarte vorlegen, die sie kostenlos bei ihrem Lebensmittelhändler, dem Ratio-Großmarktkunden erhielten.

Die Ratio-Lebensmittelhändler hatten also – sozusagen nebenberuflich – die Funktion von Agenten für Ratio. Dafür erhielten sie von den Umsätzen, die auf ihre Kaufscheine zustande kamen, eine „Provision“ von vier Prozent.

Zwei Vereinen zur Förderung des lauteren Wettbewerbs war dieses Kaufschein-System nicht geheuer. Sie prozessierten jahrelang gegen Terfloth & Snoek.

Der Kaufkarten-Prozeß landete schließlich beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe, der im Mai dieses Jahres entschied: das Ratio-System verstößt nicht gegen geltende Gesetze und Verordnungen. Ratio hatte gesiegt.

Doch nun verzichtet Ratio freiwillig auf das umstrittene System. Im Laufe der Zeit hatte es sich herausgestellt, daß Lebensmittelhändler, die in der Nähe von Ratio-Märkten domizilierten Vorteile bei der Kaufkartenausgabe gegenüber weiter entfernten Konkurrenten hatten. Sie machten höhere Umsätze und kassierten höhere Provisionen, nur weil ihre Kunden näher bei den V-Märkten wohnten. Das habe, so sagt das Unternehmen, zu einer „gewissen Ungerechtigkeit“ geführt.

Diese Ungerechtigkeit will man nun beseitigen. Die Kunden brauchen fortan keine Kaufkarten mehr zum Einkauf bei Ratio. Die Lebensmittelhändler, Raums Großmarktkunden, sollen dennoch, wie bisher profitieren. Sie sollen von allen Umsätzen in den V-Märkten eine „Rückvergütung“ von etwa einem Prozent bekommen. Aus Agenten werden auf diese Weise „Genossen“, denn das Rückvergütungsprinzip hat zweifellos genossenschaftliche Züge.