Als erstes deutsches Industrieunternehmen plant die Badische Anilin- & Soda-Fabrik AG, Ludwigshafen, den Bau eines eigenen Kernkraftwerkes. Der drittgrößte deutsche Chemiekonzern verbraucht jährlich 5 Milliarden Kilowattstunden Strom – das entspricht dem Stromverbrauch Hamburgs im Jahre 1966 – und rund 14 Millionen Tonnen Dampf. Die Überlegungen der BASF richten sich auf ein Atomkraftwerk mit einer Leistung von 600 Megawatt.

Bis zum Jahresende soll das Institut für Reaktorsicherheit ein Gutachten erstellen, ob es möglich ist, mitten in das industrielle Ballungsgebiet Ludwigshafens – die BASF ist der größte geschlossene Industriekomplex des Kontinents – ohne Gefährdung der öffentlichen Sicherheit ein Kernkraftwerk zu bauen. Bis dahin dürfte auch die Entscheidung fallen, welches Reaktorsystem Verwendung finden soll.

Das größte Problem bei dem kontinuierlichen Energie- und Dampfbedarf der Großchemie ist die Versorgung des Unternehmens mit Prozeßwärme während der etwa vierwöchigen Überhollungszeit der bisherigen Typen von Kernkraftwerken. Ein gemeinsamer Betrieb mehrerer Kernkraftwerke durch die vier großen Chemiewerke in der Bundesrepublik, die bisher Interesse an dem Bau derartiger Kraftwerke gezeigt haben (BASF, Bayer, Hoechst, Chemische Werke Hills), scheitert an den Schwierigkeiten des Dampftransportes. Ohne untragbare Verluste läßt sich Dampf gegenwärtig nicht weiter als drei Kilometer transportieren.

Als Lösung bietet sich eine Zusammenarbeit mit einem öffentlichen Versorgungsunternehmen ab, das in den Ausfallzeiten die Energieversorgung übernimmt. Allerdings scheinen sich hier gewisse Differenzen zwischen der Chemie und den Versorgungsunternehmen aufzutun. Während die Chemie vorwiegend an billigen! Dampf interessiert ist, legen die Versorgungsunternehmen mehr Wert auf billigen Strom.

Diese Meinungsverschiedenheiten könnten den Ausschlag geben für die Wahl des von Professor Schulten entwickelten Kugelhaufenreaktors, bei dem lange Überholungs- und Ausfallzeiten fortfallen. Das Atomkraftwerk, das schätzungsweise etwa 400 Millionen Mark kosten soll, wird nicht vor 1975 betriebsfertig sein. mh.