Was tun die Amerikaner in Vietnam? Die gängige Antwort auf diese Frage lautet: „Sie verteidigen die demokratische Freiheit gegen den Kommunismus.“ Wenn es zur demokratischen Freiheit gehört, daß niemand wegen seiner Meinung (sondern nur wegen seiner Taten) bestraft werden kann, dann wird es wohl in Vietnam bald nichts mehr zu verteidigen geben. Denn wer sollte wohl noch bereit sein, eigene Meinungen zum Ausdruck zu bringen, nachdem der Rechtsanwalt Dzu soeben wegen seiner Ansicht, Verhandlungen zwischen der Regierung in Saigon und der Nationalen Befreiungsfront seien notwendig, zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde.

Truong Dinh Dzu, der im vorigen Jahr während der Präsidentenwahl so viele Stimmen bekam, daß er an zweiter Stelle hinter den Siegern Thieu und Ky stand, hatte in einem Interview mit der Times am 5. April auf die Frage, ob er eine Koalitionsregierung befürworte, geantwortet: „Es ist eine mögliche Lösung für das südvietnamesische Problem, weil es in der NLF viele nichtkommunistische Elemente gibt, und solche Leute könnten sehr wohl ins Kabinett und in eine Koalition.“

Daraufhin begann die Polizei Untersuchungen vorzunehmen. Dzu ging mit Herzbeschwerden ins Krankenhaus. Am 1. Mai verhaftete die Polizei ihn im Krankenhaus und brachte ihn in Untersuchungshaft. Er wurde angeklagt: „Wegen Schädigung des antikommunistischen Geistes der Bevölkerung und der bewaffneten Kräfte.“ Die Verhandlung vor dem Militärgericht des III. Korps in der vergangenen Woche dauerte zwei Stunden; nach weiteren 45 Minuten Beratung verkündeten dann die Richter – alle fünf waren Offiziere – dasUrteil, gegen das es keine Berufung gibt.

Man fragt sich, wofür in Vietnam gekämpft wird. Wenn es doch nur darum geht, daß alle dasselbe denken sollen, dann könnten die Vietnamesen genausogut gleich Kommunisten werden – dann würde wenigstens endlich das Sterben aufhören. Dff.