Prags Führung verhandelte mit dem sowjetischen Politbüro

Dreißig Jahre nach dem Münchner Abkommen, zwanzig Jahre nach der kommunistischen Machtergreifung schlug für die Tschechoslowakei am Wochenanfang eine neue Schicksalsstunde. Im Kinosaal des ostslowakischen Städtchens Cierna (Bad Schwarzau) hart an der sowjetischen Grenze trafen das Politbüro der KPdSU und das Präsidium der KPČ zusammen. Auf der Tagesordnung: der „neue Kurs“ der Prager Parteiführung.

Parteichef Breschnew, Ministerpräsident Kossygin und Staatspräsident Podgorny leiteten die 16 Mann starke sowjetische Delegation. Zwei Mitglieder des Politbüros waren als Stallwachen in Moskau zurückgeblieben. Zur gleichstarken Abordnung der ČSSR unter Parteichef Dubček, Ministerpräsident Cernik und Parlamentspräsident Smrkovsky gehörte auch Staatspräsident Svoboda. Er hatte während des Zweiten Weltkrieges in Rußland das tschechoslowakische Freikorps geführt.

Svoboda war denn auch der einzige, der von Breschnew bei der Begrüßung am Montag umarmt wurde. Im hermetisch abgeriegelten Kinosaal kamen die Sowjets dann zur Sache. Auf dem Tisch lag der „Warschauer Brief“, in dem die fünf orthodoxen Ostblockstaaten Polen, Ungarn, Bulgarien, DDR und UdSSR (vgl. Karte) die Prager Parteiführung der „Konterrevolution“ verdächtigt hatten.

Fünf Forderungen schienen den Sowjets unerläßlich, um die ČSSR auf den Pfad kommunistischer Glaubens- und Blocktreue zurückzuführen: 1. Wiederherstellung der absoluten Parteidiktatur, 2. Verbot aller nichtkommunistischen Organisationen, 3. Wiedereinführung der Pressezensur, 4. Befolgung der östlichen Deutschland-Doktrin und 5. Schutz der „offenen Westgrenze“, eventuell durch sowjetische Truppen.

Die Prager Reformer versuchten den dogmatischen Druck der Gegenseite mit sachlichen Argumenten zu unterlaufen: Nach einer vorher abgesprochenen Arbeitsteilung schilderten die Gefolgsleute Dubčeks an Hand von Einzelreferaten die Lage in der ČSSR so wie sie wirklich ist.

Am Abend des ersten Tages zeigten sich positive Tendenzen für Prag. Obwohl die Gespräche ursprünglich nicht länger als einen Tag dauern sollten, entschloß sich Dubček weiterzuverhandeln. Vierundzwanzig Stunden später, am Dienstagabend, wollte die jugoslawische Nachrichtenagentur Tanjug sogar erfahren haben, daß sich ein Kompromiß anbahne. Der Prager Rundfunk meldete, es gehe auf Biegen und Brechen. Die amtlichen Nachrichtenagenturen TASS und Ceteka betonten die „offene und brüderliche Atmosphäre“ der Aussprache. Dub-ček drängte auf Abschluß der Konferenz, denn für den nächsten Tag hatte sich der jugoslawische Staatspräsient Tito in Prag angesagt. Doch gingen die Verhandlungen noch am Mittwoch weiter.