FÜR Leute, die sich um Recht und Strafen und das Recht zu strafen Sorge machen –

Carl Nedelmann/Peter Thoss/Hubert Bacia/Walther Ammann: "Kritik der Strafrechtsreform"; edition Suhrkamp 264, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 168 S., 3,– DM.

ES ENTHÄLT Aufsätze über "Die Reform des Rechtsgüterschutzes unter dem Dogma des Strafprinzips", "Zum Verhältnis von Kern und Grenzen der Reform besonders der Vermögensdelikte", "Reform des Sexualstrafrechts", "Die Problematik des vorverlegten Staatsschutzes".

ES GEFÄLLT als einer der vielen Versuche dieser edition suhrkamp, Tendenzen des Zeitgeistes ein Gerüst des vorerst wenigstens einmal gedruckt Festgehaltenen zu geben. Am lesbarsten sind das Vorwort von Richard Schmid, der als ein wirklich liberaler Diener des Rechts mit Bravour einen gemeinsamen Hauptnenner für vier Aufsätze gefunden hat, die Gemeinsamkeit eher scheuen – und die Zitate aus dem Bericht des Strafgefangenen Peter A.. Borchert in der (schon deswegen nicht minder empfehlenswerten) Anthologie: "Strafvollzug in Deutschland" (Fischer Bücherei, Frankfurt 1967). Am originellsten und zugleich am anfechtbarsten sind die provozierenden Analysen des jungen Ulmer Mediziners und Exjuristen Nedelmann, der erklärt, warum er (mit Recht) von dem Entwurf 1962 zur Strafrechtsreform gar nichts hält, aber (mit weniger bis wenig Recht) auch nicht viel vom Alternativentwurf der vierzehn liberalen Strafrechtslehrer (Tübingen 1966) und von der defense sociale wie sie hierzulande am wirkungsvollsten ein Fritz Bauer vertrat. Ganz und gar versäumt er es, den aufklärungsheischenden Leser wissen zu lassen, in welcher Weise er denn nun Mitglieder der Gesellschaft wie etwa die Familie Nedelmann zu schützen gedenkt gegen Mord, Raub und Vergewaltigung – oder ob ihm auch das Recht sein kann.

Rudolf Walter Leonhardt