Bremen

Der junge Mann sah das Hakenkreuz, sprang dem Schmierer an den Hals und schrie: „Six millions“. Am 30. Juli 1968 gegen 15 Uhr war der Tourist aus Israel vor dem Bremer Parlamentsgebäude ahnungslos in die Fänge des Regisseurs Peter Zadek geraten. Versteckte Kameras und Mikrophone fingen das Entsetzen eines jungen Israeli vor einem Hakenkreuz aus dem Jahre 1968 ein. Peter Zadek, 42 Jahre alt, vertrieben einst von den Nazis aus Berlin nach England, ehemals Bremer Schauspieldirektor,skandalumwitterter Regisseur, kann die Beschwörung von sechs Millionen ermordeter Juden durch einen Glaubensgenossen aus Israel von Weihnachten an in den Kinos präsentieren, wenn der Pop-Streifen „Ich bin ein Elefant, Madame“ farbig flimmert.

Einige tausend Bremer Bürger, ein paar hundert Schüler und sogar die Polizei sollen mitwirken in seinem Film über die rebellierende Jugend (nach dem Bühnenstück „Die Unberatenen“ von Thomas Valentin) und die Krawalle vom Januar wegen der Straßenbahntarife kämen auch vor, ließ der Regisseur unlängst wissen. Zur Bändigung der jungen Revoluzzer auf der Straße wünschte Zadek leibhaftige Polizisten. Im Polizeihaus sprach der Innensenator dazu ein „gelassenes Ja“, nur zwanzig (Uniformierte) auf einen (Demonstranten), das komme nicht in Frage.

Aber das war nur Vorgeplänkel. Zuerst mußte die Hakenkreuzszene in den Kasten. Da bot sich die attraktive Fassade des Hauses der Bürgerschaft am touristisch belebten Markt geradezu an. Zadek ließ durch die Iduna-Filmgesellschaft anfragen und bekam durch Bürgerschaftsdirektor Wolfgang Müller die Genehmigung. Also wurde an einem schönen Nachmittag am Parlamentsgebäude ein acht Meter großes Hakenkreuz entrollt, im Hause selbst durfte sich das Kamerateam verstecken. Für die Filmleute lief alles wie bestellt. Als die ersten Spaziergänger vor dem Hakenkreuz stehen blieben, trat ein junger dann in Aktion, farbverschmiert. Er habe das Hakenkreuz gemalt, erzählte er. Es war der Berufsschauspieler Schneider und Darsteller des Schülers Rull. In seinem Malerpinsel befand ich ein unsichtbares Mikrophon, und das nahm auf, was die Leute sagten: Er solle sich schämen, was er sich eigentlich dabei gedacht habe, und: „Als die Nazis da waren, warst du noch gar nicht auf der Welt“, und „Laß dir erst mal die Haare schneiden“. Richtig dramatisch aber wurde die Sache erst, als das mit dem Israeli passierte.

Da hielten die Kameras drauf. Nicht nur die des Peter Zadek: ausländische Touristen, eben aus Bussen und Privatwagen geklettert, um loland und Rathaus zu photographieren, witterten eine Sensation, sie filmten und knipsten was das Zeug hielt, das Hakenkreuz, den jungen Schmierer davor. Empörte Ausländer, durch nichts und niemand auf die Situation „Spiel“ hingewiesen, zogen sich angeekelt zurück.

Später löste sich der Spuk auf. Worum es eigentlich gegangen war, erfuhren wenigstens die Bremer aus den Zeitungen am nächsten Tag. Die längst abgereisten Touristen erfuhren nichts. Um Bremen-Werbung Besorgte zittern nun vor dem ersten Photo in einer ausländischen Zeitung mit der Unterschrift von den Nazis in Deutschland... Lilo Weinsheimer