Von Harald Krooge

Ludwigshafen

Die spendablen Ratsherren von Ludwigshafen baten die heranwachsende Generation ihrer Stadt ins Paradies. Sie hatten eigens für die Jugend einen Prachtbau finanziert, der in der Bundesrepublik als vorbildlich gilt. Kosten: viereinhalb Millionen. Und weil sie alle Herren lauterer Gesinnung waren, taten sie ein übriges. Sie fanden, daß es gut sei, wenn „zur Einübung bewährter Spielregeln“ das Paradies von seinen Bewohnern „weitgehend selbst regiert“ würde. Die Demokratie von Ludwigshafen entließ ihre Kinder.

Die Jugendlichen nahmen die Chance wahr. Im November und Dezember vergangenen Jahres stürzten sie sich zur Bildung eines Hausparlaments in einen Wahlkampf, der ihren Vätern Bewunderung abnötigte. Eberhard Grillparzer, Chefredakteur undGraphiker einer Schülerzeitung, Jahrgang 1950, formte seinen Kandidaten-Slogan aus der Gunst der Stunde: „Die Zeit ist Euer. Was sie sein wird, wird sie durch Euch sein. Es kommt nur darauf an, daß Ihr den Richtigen wählt.“ Kontrahent Uwe Bumb warb mit den Konterfeis hübscher Teenager, die im Peter-Handke-Stil zu bekennen hatten: „Ich bin älter geworden und habe denken gelernt. Ich habe Wünsche bekommen und Interessen. Meine Interessen setzt Uwe am besten durch...“

Nach dreiwöchigem Wahlgefecht, in dessen Verlauf sie auf bunten Veranstaltungen vor Gleichaltrigen ihre Konzepte entwickelt und geduldig auf alle Fragen geantwortet hatten, zogen Bumb und Grillparzer zusammen mit fünfzehn anderen Kandidaten in den „Parlamentarischen Rat des Hauses der Jugend“ ein. Von den stimmberechtigten Ludwigshafen er Jugendlichen, Mindestalter 15 Jahre, waren zu diesem Zweck 52,94 Prozent an die Wahlurne gegangen. Die Lokalblätter sprachen von einem „Ereignis“.

Die wirklichen Ereignisse stellten sich indessen erst später ein. Das Hausparlament, dem vom Jugenddezernat der Stadt insbesondere zugestanden worden war, maßgeblich an der Programmgestaltung mitzuwirken, trieb braven Bürgersinn erstmals in Februar auf die Barrikaden. Unmittelbar vor den drei tollen Tagen der Fastnachtskampagne setzte das Gremium mit 8:7 Stimmen kurzerhand alle im Haus der Jugend geplanten närrischen Veranstaltungen ab, „weil es die Situation nicht zuläßt, daß wir hier rumhocken und Fez machen, während in Vietnam täglich Hunderte von Menschen einem Völkermord zum Opfer fallen“. Die Resonanz war kurios. Obgleich die jugendlichen Besucher – „das Volk“ also – in einem vorangegangenen Hearing zur umgekehrten Mehrheitsbildung (59 für Vietnam, 91 für Fez) gekommen waren, nahmen vornehmlich die Erwachsenen Anstoß an der „parlamentarischen Machtausübung“. Schließlich schaltete sich sogar Oberbürgermeister Ludwig in die Kontroverse ein. Er handelte einen Kompromiß aus; wenn der Drang zu närrischem Treiben über die Maßen anwachse, so verfügte das Oberhaupt, müßten die Tore des Hauses geöffnet werden. Der Drang war so stark.

Die Toleranz erwies sich als vollkommen. Kriegsgegner und buntbemalte Fastnachter rückten sich hautnah auf die Pelle, ohne daß es zu Zwischenfällen gekommen wäre. Die Narren hopsten gelegentlich ungerührt an Vietnam-Plakaten vorbei, die Anti-Karnevalisten zeigten derweil Filme über die Schrecken in Fernost. Als der ebenfalls im Haus der Jugend beheimatete „Club Avantgarde“ anschließend. Vietcong-Fahne voraus, demonstrierend durch die Straßen zog, glaubten zahlreiche ahnungslose Ludwigshafener gar an einen Faschingsscherz.