Professor Dr. Johannes Hirschmann SJ, Frankfurt am Main, einer der führenden katholischen Theologen, hat die Entwicklung, die zur Enzyklika „Humanae vitae“ führte, eine Zeitlang aus besonderer Nähe erlebt. Interviewt von Karlheinz Schuh, einem Redakteur der Katholischen Nachrichtenagentur, antwortete er auf die Fragen: Was sind die zentralen Aussagen des Dokuments? Muß die Enzyklika als letztes Wort der Kirche betrachtet werden? Welche Aufgaben stellen sich jetzt den Katholiken? Pater Hirschmann erklärte:

„Der Papst stellt zunächst das Problem in den Zusammenhang jener ganzheitlichen Schau des Menschen und seiner Berufung, die das Zweite Vatikanische Konzil im Ehekapitel der Pastoralkonstitution „Kirche und Welt“ vorträgt; in diesem Zusammenhang erläutert er die Bedeutung der ehelichen Liebe und der verantworteten Elternschaft für die Lösung unserer Frage. Jeder eheliche Akt müsse ebenso Ausdruck liebender Vereinigung sein wie ‚offen für die Weitergabe des Lebens’; diese beiden Sinn-Elemente der Ehe und des ehelichen Aktes dürften nicht voneinander getrennt werden.

In Übereinstimmung mit diesen Grundsätzen und der Lehre seiner Vorgänger verurteilt der Papst erneut jede direkte Unterbrechung des bereits eingeleiteten Zeugungsvorgangs, vor allem die Schwangerschaftsunterbrechung, jede direkte dauernde oder zeitweilig begrenzte Sterilisierung, jeden Eingriff in den Vollzug der Ehe, der darauf abgestellt ist, Fortpflanzungsfähigkeit zu vereiteln. Der Papst weist einige Rechtfertigungsversuche für die Erlaubtheit solcher Eingriffe zurück, zum Beispiel das Prinzip des geringeren Übels oder die Rechtfertigung einzelner derartiger Akte durch ihren Zusammenhang mit der positiven Einstellung in der Gesamtverwirklichung der Ehe. Die Zeitwahl in der Ehe erscheint ihm als ein grundsätzlich verantwortbarer Weg.

Im Anfang der Enzyklika betont der Papst ausdrücklich die Zuständigkeit des kirchlichen Lehramtes für die Interpretation des natürlichen Sittengesetzes in diesen Fragen.

Wie die Enzyklika ‚Casti connubii‘ Pius’ XI., so ist auch das Rundschreiben ‚Humanae vitae‘ keine unfehlbare Äußerung des päpstlichen Lehramtes. Sie ist eine Stellungnahme des sogenannten ‚authentischen Lehramtes‘ des Papstes. Ihm schulden nach der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils (,Lumen gentium’ Nr. 25) die Katholiken, auch wenn er nicht Kraft höchster Lehrautorität spricht, aufrichtige Anhänglichkeit.

Wie bei anderen Äußerungen des authentischen Lehramtes ist nicht jede weitere Frage und Diskussion ausgeschlossen. Für manche Einzelfragen wird sie vom Dokument ausdrücklich gewünscht. So werden zum Beispiel die Wissenschaftler aufgefordert, durch ihre Studien ‚den verschiedenen Möglichkeiten auf den Grund zu gehen, die eine sittlich erlaubte Regelung der Fortpflanzung begünstigen‘. Auch die grundsätzlichen Ausführungen der Enzyklika lassen viele Fragen offen. Ich denke zum Beispiel an die Frage nach dem Naturbegriff oder die Frage nach dem Zusammenhang der Sinnelemente des ehelichen Lebens.

Der Papst selbst ist sich der Schwierigkeit bewußt, denen die Lehre der Enzyklika begegnen wird. Er selbst gibt im letzten Teil des Rundschreibens einige Richtlinien für die Seelsorge. Diese bedürfen einer umfassenderen Ergänzung. Es ist zu erwarten, daß unsere Bischöfe sich den hier aufgegebenen Anliegen sofort und umfassend stellen werden. Das gleiche gilt für die Seelsorger. Eine große Bedeutung hat das Gespräch über die im Rundschreiben behandelten Fragen für die katholischen Laien, insbesondere das Gespräch unter den Eheleuten und Familien selbst, dem die Enzyklika so positive Worte widmet.

Nicht wenige Fragen stellen sich der theologischen Wissenschaft, nicht wenige den vielen, die in der Ehe- und Familienberatung stehen. Niemand gibt sich Täuschungen über die Schwierigkeit der Aufgabe hin. Es wird zu ihrer Erfüllung eines großen Glaubens und der Solidarität aller bedürfen.“