Bad Segeberg

Die Felsen sind teils von Gott und teils aus Pappe. Um die Naturbühne von Segeberg, nördlich von Hamburg, die sich dem Werk eines einzigen Autors, des Nicht-Dramatikers Karl May, geweiht hat, zu den Schluchten des Balkans zu stilisieren, wird nicht nur die Natur kosmetisch aufbereitet. Es spannt sich auch eine Holzbrücke über die Titel-Schlucht, die gegen Ende mit einem kleinen Feuerwerk in die Tiefe stürzt. Auf den Bergen flammen Feuer auf; das Programmheft spricht gar davon, daß sie die „Botschaft des Friedens und der Freiheit“ verkünden.

Karl Mays bevorzugtes Disneyland war allerdings jener milde Wilde Westen, in dem am Ende einer Serie von dicken Bänden Winnetou poetisch verblutete. Dennoch macht es für die jugendlichen Zuschauer keinen schmerzlichen Stilbruch aus, wenn sie die Helden aus dem Lande der Skipetaren mit indianischem Kopfputz begrüßen, dem die Werbung einer Funkillustrierten aufgedruckt ist, welcher die Apachen mangels ARD und ZDF ohnehin entraten mußten, als Old Shatterhand unter ihnen weilte.

Hans Heinrich Köster, den das Programmheft den „Motor der Spiele“ nennt, hält Karl Mays Amerika auch für das gemäßeste Festspielland. Wenn diesmal der Balkan erwählt wurde, dann begründet Köster das auch pädagogisch: der Regisseur sollte sich einmal auch auf einem anderen Kriegspfad bewähren.

Den Kindern, die sich die Wartezeit mit ‚Ho-Ho“-Rufen (denen kein Tschi Minh folgte, sondern ein „Eierkopf“-Refrain) als rivalisierende Gruppen vertrieben, waren der Balkan, Kara Ben Nemsi und Hadschi Alef Omar offenkundig genauso recht. Sie begrüßten ihre Helden wie Retter in der Not. Die beiden nahmen sich, sieht man von einer gewissen Wohlstandskorpulenz Kara Ben Nemsis ab, wie ein Nachklang Don Quichottes und Sancho Pansas aus.

In aller Unschuld hat der von Wulf Leisner zum Freilichttheater aufbereitete Roman neben der neonazarenischen Gottesfurcht Karl Mays auch den verspäteten imperialen deutschen Drang nach Kolonien aufbewahrt, die hier mangels Weltreich auf dem Papier gegründet wurden: Karl Mays Held jedenfalls erzieht auch die wilden Balkaneser zu Zucht und Ordnung. Wenn es sein muß, auch mittels Stockhieben. Für stärkere Strafen ist ein direktes Gottesurteil (Sturz in den Abgrund) vorgesehen.

Die Handlung besteht vorwiegend aus gewaltigen Wortwechseln, in denen echt balkanesisch geflucht und geschworen wird, weshalb das Programmheft sogar ein kleines Wörterbuch einschließt, aus dem man beispielsweise erfahren kann, daß „Ser babe men!“ „Beim Haupte meines Vaters!“ heißt und „Wai! Wai baschina!“ „Wehe, wehe dir“. Nicht nur an dieser gründlichen Leistung kann man nachempfinden, warum ein Aufsatz des gleichen Programms dem „einsamen Wanderer um die dritte Morgenstunde“ ein Licht empfiehlt, das „seinem Wege leuchtet“. Denn das Licht kommt aus dem Büro des unermüdlichen Hans-Heinrich Köster, und man versteht, warum er so lange tätig ist, wenn man die Pressemappe zu den Karl-May-Festspielen in den Händen hat. Sie übertrifft ähnliche Produkte aus Salzburg oder Bayreuth.