Von François Bondy

Der Verlag Luchterhand hatte die vorzügliche Idee, Dichter in einer Paperback-Reihe namens „Porträt und Poesie“, in angenehmem, fast quadratischem Format, dem Leser in verführerische Reichweite zu bringen, wie manche noch so schätzenswerte Monumentalausgaben das nicht erreichen könnten. Zu ihnen stehen diese handlichen Bücher in komplementärem Verhältnis. So könnte man sich vorstellen, daß Leser des von Pierre Guerre eingeleiteten „René Char“ sich eher als andere der großen zweisprachigen Ausgabe von Chars „Dichtungen“ bei S. Fischer zuwenden werden. Da diese Reihe einer Poesie dienen will, die „eine Weltsprache geworden“ sei und „keine nationale Priorität“ mehr kenne, ist es wohl mehr ein Zufall, wenn die ersten erschienenen Bände drei Franzosen sind –

„Charles Baudelaire“ – Einleitung von Luc Decaunes, ausgewählte Texte, Porträts, Faksimiles, Dokumente, Bibliographie, aus dem Französischen von Richard Beilharz; Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied; 246 S., 9,80 DM

„René Char“ – Einleitung von Pierre Guerre, ausgewählte Gedichte, Abbildungen, Faksimiles, Dokumente, aus dem Französischen von Johannes Hübner, Lothar Klünner, Jeanne Mammen, Marie Philippe, Jean Pierre Wilhelm; Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied; 187 S., 9,80 DM

„Paul Verlaine“ – Einleitung von Jean Richer, ausgewählte Gedichte, Briefe, Abbildungen, Dokumente, Faksimiles, Bibliographie, aus dem Französischen von Richard Bellharz; Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied; 259 S., 9,80 DM.

Als nächste Porträts sind Asturias und Grass angekündigt; später soll unter anderem finnische, tschechische, brasilianische Dichtung erscheinen.

Es ist nur gerecht, wenn Charles Baudelaire an der Spitze einer solchen Reihe steht, da er den Anfang der eigentlich modernen Lyrik bezeichnet. Die wie die anderen Einführungen einer bei Pierre Seghers erscheinenden Reihe entnommene Studie von Luc Decaunes über Baudelaire war offenbar dem Übersetzer Richard Beilharz nicht ganz geheuer, denn er hat mehrere „allzu subjektive“ polemische Ausfälle, wie er uns informiert, in seiner Bearbeitung ausgemerzt. Auch so noch aber ist Decaunes’ lesenswerter Essay zu einseitig und vor allem zu einschichtig. Klassizismus und Entdeckung des Augenblicks, Fortschrittsfeindschaft und extreme Modernität, Tradition und Großstadtpoesie, Satanismus und Brüderlichkeit – das wird von Decaunes nicht in seinem grellen Widerspruch und den fast unerträglichen Spannungen dargestellt. Decaunes möchte gern den Eindruck geben, daß Baudelaire sich in seinen größten Momenten zwischen diesen Gegensätzen eindeutig für die „bessere“ Seite entschieden habe – fortschrittlich, brüderlich, sozial. Immerhin zeigt er zutreffend, wie Baudelaire gegenüber dem bestehenden Menschen an den „möglichen Menschen“ appelliert.