Von Wolfgang Müller-Haeseler

Josef Neckermann, Frankfurter Versandhändler und erfolgreicher Dressurreiter, möchte im Herbst nicht nur im olympischen Mexiko ganz nach oben kommen, er möchte auch am deutschen Markt höher hinaus – mit den Preisen. Vor den Aktionären seines Versandhauses sprach er es unumwunden aus: Er hoffe, daß eine Absatzbelebung in Verbindung mit einer Reihe notwendiger Preiskorrekturen nach oben in der zweiten Hälfte dieses Jahres eine stärkere Umsatzsteigerung als in der ersten Jahreshälfte bringen werde.

So verständlich auch seine Hoffnung auf höhere Preise sein mag – schließlich haben gestiegene Einkaufspreise bei Elektrogeräten, Pelzen und japanischen Importwaren seine Umsatzrendite auf rund ein Prozent herabgedrückt –, in der benachbarten Taunusanlage, bei der Deutschen Bundesbank ist dieses offenherzige Bekenntnis zu höheren Preisen mit Stirnrunzeln zur Kenntnis genommen worden. Dort fürchtet man, daß die goldenen Zeiten der Preisstabilität, auf die zu achten die Deutsche Bundesbank durch Gesetz verpflichtet ist, wieder einmal zu Ende gehen.

Immerhin liegen die Lebenshaltungskosten Mitte dieses Jahres nur um rund ein Prozent über dem entsprechenden Vorjahresniveau. Das ist das größte Ausmaß an Preisstabilität, das die Bundesrepublik in den letzten zehn Jahren erlebte, in denen – mit Ausnahme des Jahres 1960 – die Lebenshaltungskosten jährlich zwischen 2 und 4,2 Prozent kletterten.

Die Abschwächung der wirtschaftlichen Konjunktur, die 1966 einsetzte und erst Ende des vergangenen Jahres durch die Konjunkturprogramme des Bundeswirtschaftsministeriums wieder aufgefangen wurde, hat Bundesbankpräsident Blessing und seiner Mannschaft eine Atempause gegönnt. Sie hatten- endlich einmal Zeit, sich von der Schwerarbeit während der Ära Ludwig Erhard zu erholen.

Die Tatenlosigkeit der damaligen Bundesregierung hatte die Bundesbank zwar nicht de jure, aber doch de facto gezwungen, die Verantwortung für die Wirtschaftspolitik in der Bundesrepublik zu übernehmen, obwohl ihr Instrumentarium dazu weder geschaffen war noch ausreichte. Trotz der Bundesbank-Aktivität erreichten die Preissteigerungen 1965, dem zweiten Jahr der Kanzlerschaft des ehemaligen Wirtschaftsministers Ludwig Erhard, mit 4,2 Prozent ihren höchsten Stand der Nachkriegszeit.

Damals wurde im Hause der Bundesbank häufig als Trost die alte Volksweisheit zitiert: „Einem jeden recht getan, ist eine Kunst die niemand kann.“ Doch Karl Blessing, der nicht verhehlt, daß er nach fast zehnjähriger Präsidentschaft die Last seines Amts gern auf andere Schultern laden möchte, zeigte sich trotzdem hin und wieder tief betroffen von dem Widerstand, den seine Maßnahmen fanden, und von den Motiven, die man ihm unterstellte. Auf einer Sitzung in der hannoverschen Dependance der Bundesbank, der Niedersächsischen Landeszentralbank, entfuhr es dem rustikalen Württemberger nach heftigen Angriffen der Gewerkschaften und der Landwirtschaft: „Ich bin doch kein Rinnstein, an dem jeder Hund sein Bein heben kann.“