Die Bonner trauen sich nicht allzuviel zu – frohlockte noch vor vier Jahren Walter Ulbricht, als sein Vorschlag, einen Zeitungsaustausch auszuhandeln, im Paragraphengestrüpp der bundesdeutschen Staatsschutz Vorschriften hängenblieb. Das Gesetz verbot es damals, DDR-Zeitungen zu beziehen. Heute wäre es nun an Bonn zu triumphieren: „Die Ostberliner trauen sich nicht allzuviel zu“; denn trotz des neuen Gesetzes, das vom 1. August an dem Bundesbürger erlaubt, Ulbrichts Hauspostillen zu lesen, ohne daß ihm der Staatsanwalt dabei über die Schulter schielt, hält Ostberlin seine Druckerzeugnisse zurück. Auf die Anfragen der westdeutschen Zeitungshändler – nichts als Schweigen.

Die Geschichte des Zeitungsaustausches ist ein gesamtdeutsches Trauerspiel. Schienen jene drüben zu wollen, trauten sich diese hüben nicht. Rangen sich diese hier zu einem kleinen entgegenkommenden Schritt durch, kam von jenen keine Reaktion. Nicht um den Zeitungsaustausch ging es, um den Schwarzen Peter. Hätte die Bundesregierung dem Ulbricht-Regime nicht schon lange vorexerzieren können, daß die Freiheit, sich aus allen Quellen – auch aus Ostberliner Zeitungen – zu informieren, der Demokratie wirklich keinen Abbruch tut.

Freiheit ist nun einmal die beste Waffe gegen totalitäre Systeme. Ulbrichts beredtes Schweigen auf Bonns längst überfälliges Gesetz ist eine deutliche Bestätigung dieser Regel. v. K.