„Sehr geehrte Mitarbeiterin, Sehr geehrter Mitarbeiter! Nach langen Vorarbeiten und reiflicher Überlegung aller zu beachtenden Fragen sind wir nun soweit

Hinter dem Doppelpunkt warten die Brüder Elmar und Kuno Pieroth mit einer sozialen Pioniertat auf. Sie erklären sich bereit, in Zukunft den Gewinn ihres Unternehmens mit den Mitarbeitern zu teilen. Die Arbeiter und Angestellten haben damit teil am Erfolg des umsatzstärksten und dynamischsten Unternehmen der deutschen Weinwirtschaft. Sie haben außerdem die Möglichkeit, nach fünf Jahren Mitgesellschafter ihrer Firma zu werden und die Geschicke des Hauses mitzubestimmen.

Wer sind die beiden Brüder, die hier die Hälfte ihres Gewinns verschenken? Haben hier zwei Junggesellen, die in ihrem Leben mehr Geld verdient haben, als sie in der ihnen noch verbleibenden Zeit ausgeben können, endlich einen Weg gefunden, wie sie dem Finanzamt und den ungeliebten Erben ein Schnippchen schlagen können?

Weit gefehlt. Die beiden Brüder, Hauptgesellschafter der Ferd. Pieroth Weinkellereien GmbH in Burg Layen bei Bingen stehen noch lange nicht am Ende ihres Weges. Sie sind weder Junggesellen noch alt. Sie wollen auch nicht den Fiskus ärgern, sondern in ihrem Betrieb eine neue Form der partnerschaftlichen Zusammenarbeit verwirklichen.

Ein kleines Weinbauerndorf, malerisch am Fuße einer Burgruine und inmitten grüner Rebenhügel gelegen, als Ort sozialpolitischer Experimente? Was treibt einen „Winzersohn“ dazu, sich Gedanken über die Zukunft unserer Gesellschaft zu machen? „Schon als Schüler hat mich die politische Arbeit fasziniert“, erinnert sich Elmar Pieroth. „Aber damals gab es für mich noch ein anderes, vordringliches, Problem: Wie kann man Sich in einer Partei engagieren, ohne daß in den Weinbergen Gras wächst?“

Elmar Pieroth packte diese Aufgabe auf seine Weise an. Nach dem Abitur belegte er 1953 in München zwar drei Semester lang betriebswirtschaftliche Vorlesungen. Aber statt in Hörsälen und Bibliotheken zu hocken, stürzte er sich mit Energie in den Ausbau des väterlichen Unternehmens. Mit Bruder Kuno, der 1956 die Schulbank verließ, studierte er Marktanalysen und grübelte darüber nach, wie man dem Qualitätswein neue Käuferkreise erschließen könne. Der Vater hatte schon vor dem Zweiten Weltkrieg damit begonnen, mit Werbebriefen neue Kunden anzusprechen. Die Idee des Sohnes war es, zwischen Werbebrief und Kauf einen Vertreter einzuschalten. Der „Weinberater“ kommt seither mit einem umfangreichen Angebot zur Weinprobe ins Haus – und verläßt es heute bei neuen Kunden durchschnittlich mit einem Auftrag über 165 Mark, bei alten mit Bestellungen für 231 Mark. Der Verbraucher steht nämlich nicht mehr hilflos vor einem Etikett mit für ihn meist unverständlichen Lage- und Qualitätsbezeichnungen, sondern wählt mit der Zunge.

Der Vater war zunächst skeptisch, ließ die Söhne aber gewähren. („Pieroths ziehen sich mit fünfzig Jahren aus dem Geschäft zurück.“) 1959 gelang der Durchbruch: Der Umsatz stieg ruckartig gegenüber dem Vorjahr von 3,6 auf 4,3 Millionen Mark. Die neue Vertriebsidee hatte ihre Feuerprobe bestanden. Von nun an ging es steil aufwärts. Schon 1960 war ein Umsatz von 9,6 Millionen Mark erreicht, und in diesem Jahr rechnen Elmar und Kuno Pieroth mit etwa 56 Millionen Mark.