Von François Bondv

Die französische Mai-Revolution hatte Zügedes unvorhersehbar Spontanen in ihren Taten – in ihren Worten weniger. Auch die Sgraffiti an den Mauern, deren Abbildung ein ganzer Sektor der Bücher gewidmet ist, die jetzt über die Ereignisse allenthalben veröffentlicht werden, sind zu einem erstaunlich großen Teil Lesefrüchte. Surrealistisch in der Inspiration, Pop-Art im Stil – die Barrikadenzeit ist bereits, so bei Pauvert, dem Verleger der „enragés“‚ in comic strips dargestellt worden.

Als der große Ahne einer mehr poetisch als ideologisch inspirierten Bewegung wird mehr und mehr Arthur Rimbaud erkannt, Inbegriff genial empörter Jugend. Auch in den zahlreichen Zeitschriftenstudien dieser Wochen finde ich seinen Namen häufiger als etwa den Herbert Marcuses. Erst seit Mai finden die Schritten dieses Philosophen Zehntausende von Käufern, vorher war er nur ein Name. Mehr gelesen wurde der in Nanterre dozierende Henri Lefebvre, einst offizieller Parteidenker, aber seit einigen Jahren so unabhängig, daß die Kommunisten ihn von ihren vielen „Dialogen“ zwischen Marxisten und Nichtmarxisten strikt ausgeschlossen haben. Was Lefebvre über Modernität, Alltag, Fest, Entfremdung schreibt, ist, im Vergleich zu wirklich originalen Denkern wie Georges Bataille, nicht immer erschütternd, oft auch ein wenig geschwätzig und ungefähr; aber man spürt die Offenheit, das Engagement, und die Themen, die ihn beschäftigen, sind eben jene, bei denen die radikalen Studenten ihre Kritik an der „Konsumgesellschaft“ ansetzen.

Der Strukturalismus, der in den letzten Jahren geistig die Szene beherrscht hat, spielte in diesen Stürmen keine direkt wahrnehmbare Rolle, eher die älteren Existentialisten – wobei Albert Camus immer noch mehr gelesen wird als Jean-Paul Sartre. In der Sorbonne hat Sartre, der hier einmal diskutierte, keinen überwältigenden Eindruck gemacht; wider Willen wirkte er ein wenig professoral. Ein Student rief ihm zu: „Kamerad, du schreibst zwar gut, aber du verstehst nichts von Politik.“ So angeredet zu werden, macht Sartre freilich nichts aus – im Gegenteil. Es gehört zur „contestation“; contester – anfechten, bestreiten – ist das Schlüsselwort der Mai-Revolution, wie structure das der vorhergehenden Jahre. Eine philologische Studie in der Zeitschrift Esprit geht den seltsamen Wandlungen dieses Wortes nach: cum testis, also „mit Zeugen“, war Ausdruck einer besonders kräftigen Bestätigung und keineswegs einer Verneinung. Es mußte sich das alt-französische contrester – gegen etwas sein – einmischen, um den ursprünglichen Sinn von contester umzuwandeln.

Das nachgespielte Drama

Bei Sartre hätte den Studenten auffallen können, daß er als Bühnenautor ihr eigenes Drama vorweggenommen und mustergültig gestaltet hatte: in den „Schmutzigen Händen“ – ein Stück, das allerdings auf Sartres eigenen Wunsch schon lange nicht mehr aufgeführt wird und das für die Jüngeren wohl nur ein berühmter Name ist. Denn worum ging es hier? Um den Konflikt zwischen einem bewährten Parteikommunisten, der diszipliniert genug ist, um auch Kompromisse mit dem Feind zu schließen, und einem jungen, ultralinken Intellektuellen bürgerlicher Herkunft, der die Revolution durch derlei Kompromisse verraten sieht. Ob Sartre selber diese Verwandtschaft zwischen seinem erfolgreichen Stück und der Gegenwart – Seguy gegen Cohn-Bendit – wahrgenommen hat? Die Art, in der er in zahlreichen Interviews die Kommunisten des „Verrats“ zeiht, bringt ihn dem jungen Helden seines Schauspiels näher als dem Dramatiker, der wußte, daß es in solchen Konflikten immer auch um ein Recht gegen ein Recht geht und daß eine große Partei und Gewerkschaft, die an ihr Überleben denkt, ihre eigene Logik hat. Die „Schmutzigen Hände“ – das Stück hat die Revolutionäre nicht beeinflußt, aber es hat den Ausgang des-Konflikts vorweggenommen.

Ein anderes Sartresches Motiv, das „Erbrechen“ einer ganzen eingetrichterten klassischen Kultur durch eine Jugend, die sich auch in den Lycées nicht mehr mit Klassikern füttern lassen will: darüber stand in der Quinzaine litteraire ein beachtlicher Aufsatz von Gilles Lapouge, der mit vielen lyceens gesprochen hat.