Von Ernst Wilhelm Graf Lynar

Ein Mann des Widerstandes gegen Hitler kam zu spät aus russischer Kriegsgefangenschaft, um die Anerkennung zu finden, die ihm gebührt. Er lebt zurückgezogen in einem Reihenhaus in Bremen, isoliert von seinen alten Kameraden, die ihm nicht verzeihen wollen, was er in Stalingrad und später getan hat. Dabei hat er lediglich Gesetze mißachtet, die unter Hitler bedingungslos zu befolgen längst fragwürdig geworden war: Walther von Seydlitz-Kurzbach, aus alter Soldatenfamilie stammend und von preußischer Tradition geprägt, General der Artillerie und Kommandeur eines Armeekorps in Stalingrad, begeht in diesen Tagen seinen 80. Geburtstag.

Seydlitz scheut die Öffentlichkeit, meidet Publizität, die viele nach dem Krieg zu ihrer eigenen Rechtfertigung gesucht haben. Leider, denn sein Wort hätte auch heute noch Gewicht. Der General wurde den Soldaten der Ostfront zum erstenmal bekannt, als er im Frühjahr 1942 bei Demjansk sechs eingeschlossene Divisionen freikämpfte, und zwar nach energischem Widerstand gegen einen anderslautenden Befehl Hitlers. Ende Oktober desselben Jahres stand er mit seinem I. Korps im Verband der 6. Armee in Stalingrad. Seydlitz drängte die Armee, die verlustreichen Stadtkämpfe an der Wolgafront einzustellen, damit sich die abgekämpften, dezimierten Truppen erholen und auf die erwarteten schweren Winterangriffe der Russen vorbereiten könnten. Doch die Armeeführung lehnte ab.

Kaum drei Wochen später, am 19. November 1942, brach die russische Winteroffensive los, und zwei Tage danach saßen mehr als eine Viertelmillion deutscher und rumänischer Soldaten, zwei volle Armeen, in der Falle. In diesem Augenblick einer schweren Krise kam alles darauf an, die Bewegungsfreiheit zu behalten. Sofortiger Ausbruch war das einzige, was blieb.

Als Seydlitz und sein Chef des Stabes, Oberst Clausius, am Abend es 22. November dem Armeeoberbefehlshaber Paulus und dessen Chef, Generalmajor Arthur Schmidt, den Ausbruch vorschlugen, fanden sie einhellige Zustimmung. Doch Paulus und Schmidt weigerten sich, durch eine selbständige Tat Hitler vor vollendete Tatsachen zu stellen. Trotzdem setzten sie – wie Seydlitz empfand, viel zu vorsichtig – ein Fernschreiben auf, in dem sie Hitler um Handlungsfreiheit baten.

Da kam am 24. November unerwartet der Befehl Hitlers, in dem es hieß: „Ich beabsichtige die (6.) Armee im Räume Stalingrad ... zusammenzufassen. Die Armee darf überzeugt sein, daß ich alles tun werde, um sie entsprechend zu versorgen und rechtzeitig zu entsetzen.“ Einen Tag später wurde Seydlitz, der als Nachfolger von Paulus ausersehen war und nach seinem Demjansker Erfolg bei Hitler als „der härteste Mann im Kessel“ galt, mit dem Oberbefehl über die Ost- und Nordfront des Kessels betraut. Als ihm Paulus die beiden Befehle persönlich überbrachte, war Seydlitz bestürzt. Denn nun war er, der doch auf Handlungsfreiheit drängte, doppelt gebunden.

Trotzdem, er mußte das Notwendige sagen. Am Abend zuvor hatte er mit seinem Stabschef jene berühmte Lagebeurteilung verfaßt, deren Ergebnis nach präziser Begründung lautete: Sofortiger Ausbruch, wenn nötig auch gegen den Befehl Hitlers: „Die Armee steht vor einem eindeutigen Entweder-Oder: Durchbruch nach Südwesten ... oder Untergang in wenigen Tagen.“ Es wurden zweiundsiebzig Tage, aber erkauft mit unsagbaren menschlichen Leiden, die Seydlitz für wahnsinnig und unverantwortlich hielt und gar nicht erst in Rechnung gestellt hatte. Der Führerbefehl aber war stärker als alle strategische Vernunft. General Schmidt schrieb an den Rand der Seydlitzschen Denkschrift: „Wir haben uns nicht den Kopf des Führers zu zerbrechen und Gen. v. Seydlitz nicht den des OB.“