Von Hellmuth Karasek

Lehrer haben häufig das Pech, daß ihnen ihre Schüler nicht nur genau aufs Maul schauen, sondern auch mitschreiben, was da im Eifer des Unterrichtsgefechts an Stilblüten hervorsprießt. Seit dem seligen Professor Galetti in Weimar unsterbliche Nonsens-Sätze glückten („Als Humboldt den Chimborasso bestieg, war die Luft so dünn, daß er ohne Brille gar nicht mehr lesen konnte“), bemühten sich Generationen von Schülern, auch in ihren Lehrern würdige Erbwalter für Galettina zu entdecken. Die Autorität muß da Dampf ablassen, möglichst sprachlich verquollenen Dampf. Und was an der ganzen Sache ein wenig bedrückt: solche inside-Späßchen leben eben von dem Autoritätsverlust, werden noch dazu erst mit der ersten Stunde der Freiheit ruchbar. Hier ist die Rede von der Bierzeitung, die Schülern die – Abiturslaune mit einem kleinen nachträglichen Racheakt vergoldet.

Daß eine solche „Bierzeitung“ ein zeitgemäßeres, weniger feuerzangenbowle-seliges Gewand anzunehmen trachtet, auch das würde niemand verwundern. Nach den „Worten des Vorsitzenden Heinrich“, den Worten des „Chairman Lyndon“, denen des „Regierenden Klaus“ hat jetzt also eine Abiturklasse (wo, tut nichts zur Sache) den „Rufer in der Wüste“ herausgebracht, der sich im Untertitel: „Worte des Vorsitzenden Ekkehart“ nennt.

Wäre der schmale Band nur eine Bierzeitungsvariante im Mao-Look, würde er nur beweisen, daß sich auch ein Studienrat, was unfreiwilligen Humor in der Kunst der freien Rede anlangt, durchaus in einen edlen Wettstreit mit unserem Landesvater einlassen könnte – man müßte von den „Worten des Vorsitzenden Ekkehart“ kein Aufhebens machen.

Jedoch: die Schüler, die da während der Unterrichtsstunden in der Oberprima mitschrieben, haben eine fossile Denkart mit Zitaten ans Tageslicht gehoben, die sich sonst, außerhalb der Schulstunden, nicht mehr so ungeniert zu offenbaren pflegt.

So sieht dann die Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte aus: „Gestrichen voll hatten die Franzosen ihre Hosen – Flanellhosen waren das.“ Man vermeint förmlich ein freudiges Zungenschnalzen zu hören, wenn dieses Heldentum bekennt: „Ich kann mit der Knarre noch ganz gut schießen. 98er Karabiner, damit habe ich schon manchen umgelegt.“ Ein so deutschstämmiger Mannesmut muß selbst den Amerikanern in Vietnam abgehen: „Kaum sind die Amis aus dem Urwald, gehen die zu den südvietnamesischen Nutten in den Puff.“

Hätte diesen Schulmann, der sich sternheimisch direkt breit macht, sobald er sich unter Ausschluß der Öffentlichkeit wähnt, jemand erfunden, man würde dem Erfinder vorwerfen, er vollstrecke hier alle gängigen Klischees vom häßlichen Deutschen und sei wohl stärker durch Heinrich Manns Untertanenporträts, durch Tucholskys Spießersatiren als durch die heutige Wirklichkeit angeregt worden. Denn alles, was man auch nur im entferntesten als mögliche Reaktion einer literarischen Spottgeburt erwartet, das liefert der belauschte Studienrat so prompt wie das Lakmuspapier die reagierende Verfärbung.